Copyright 2000 - 2011 Martin Auer
Smashwords Edition
Die Erstausgabe erschien 2000 im Verlag Beltz & Gelberg
Der seltsame Krieg von Martin Auer steht unter einer
Creative
Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen
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Die seltsamen Leute vom Planeten Hortus
Frieden beginnt bei dir selbst
Geschichte von einem guten König
Bericht an den Rat der Vereinten Sonnensysteme
Offene Worte von einem Europäer
Es war einmal ein Mann, der war ein Träumer. Er dachte sich zum Beispiel: Es muss doch möglich sein, zehntausend Kilometer weit zu sehen. Oder er dachte sich: Es muss doch möglich sein, Suppe mit der Gabel zu essen. Er dachte: Es muss doch möglich sein, auf dem eigenen Kopf zu stehen, und er dachte sich:
Es muss doch möglich sein, ohne Angst zu leben.
Die Leute sagten zu ihm: ,,Das alles geht doch nicht, du bist ein Träumer!“ Und sie sagten: ,,Du musst die Augen aufmachen und die Wirklichkeit akzeptieren!“ Und sie sagten: ,,Es gibt eben Naturgesetze, die lassen sich nicht ändern!“
Aber der Mann sagte: ,,Ich weiß nicht... Es muss doch möglich sein, unter Wasser zu atmen. Und es muss doch möglich sein, allen zu essen zu geben. Es muss doch möglich sein, dass alle das lernen, was sie wissen wollen. Es muss doch möglich sein, in seinen eigenen Magen zu gucken.“
Und die Leute sagten: ,,Reiß dich zusammen, Mensch, das wird es nie geben. Du kannst nicht einfach sagen: Ich will und deswegen muss es geschehen. Die Welt ist, wie sie ist, und damit basta!“
Als das Fernsehen erfunden wurde und die Röntgenstrahlen, da konnte der Mann zehntausend Kilometer weit sehen und auch in seinen eigenen Magen. Aber niemand sagte zu ihm: ,,Na gut, du hast ja doch nicht ganz Unrecht gehabt.“ Auch nicht, als das Gerätetauchen erfunden wurde, so dass man problemlos unter Wasser atmen konnte. Aber der Mann dachte sich: Na also. Vielleicht wird es sogar einmal möglich sein, ohne Kriege auszukommen.
Weit draußen hinter den Sternen ist alles ganz anders als hier. Und noch weiter draußen ist alles noch ganz anders als dort, wo alles ganz anders ist als hier.
Aber wenn man ganz weit fliegen würde, ganz weit, ganz fern, dorthin, wo alles ganz anders ist als überall, dort wäre es vielleicht dann wieder fast genauso wie hier.
In dieser fernen Gegend ist vielleicht ein Planet, so groß wie unsere Erde, und auf diesem Planeten leben vielleicht Leute, die fast genauso aussehen wie wir, nur dass sie blau sind und ihre Ohren zuklappen können, wenn sie nichts hören wollen.
Und auf diesem fernen Planeten war vielleicht einmal ein großer Krieg ausgebrochen, und viele der blauen Leute waren gestorben. Viele Waisenkinder waren zurückgeblieben, und auf den Trümmern eines Hauses, das die Bomben zerstört hatten, saß ein kleiner blauer Junge und weinte um seinen Vater und seine Mutter. Er saß lange Zeit so da und weinte, aber dann hörte er auf, denn er hatte alle Tränen geweint, die er gehabt hatte. Er klappte seinen Kragen in die Höhe, steckte die Hände in die Taschen und ging davon. Wenn er einen Stein sah, kickte er ihn fort, und wenn er eine Blume sah, trat er darauf.
Ein kleiner Hund kam ihm entgegen, sah ihn an und wedelte mit dem Schwanz. Dann drehte er um und ging neben dem Jungen her, so, als hätte er sich entschlossen, ihn zu begleiten.
„Geh weg!“ sagte der Junge zu dem Hund. „Du musst weggehen. Wenn du bei mir bleibst, muss ich dich lieb haben, und ich will in meinem ganzen Leben niemanden mehr lieb haben.“
Der Hund sah ihn an und wedelte lustig mit dem Schwanz. Da fand der Junge ein Gewehr, das neben einem toten Soldaten lag. Er hob das Gewehr auf und zeigte es dem Hund. „Dieses Gewehr kann dich erschießen!“ sagte er böse. Da lief der Hund fort.
„Dich nehme ich mit!“ sagte der Junge zu dem Gewehr. „Du wirst mein guter Kamerad sein.“ Und er schoss mit dem Gewehr auf einen toten Baum.
Dann fand er in einem Feld einen verlassenen Flugroller. Er setzte sich hinein und versuchte ihn zu starten. Der Flugroller funktionierte.
„Jetzt habe ich ein Gewehr und einen Flugroller“, sagte der Junge. „Die sollen jetzt meine Familie sein. Ich hätte auch einen Hund haben können, aber er wird vielleicht getötet werden, und dann werde ich vor Weinen sterben müssen.“
Er flog mit dem Flugroller, bis er ein Haus sah, aus dem Rauch kam. „Dort lebt noch jemand“, sagte der Junge. Er flog um das Haus herum und schaute durch die Fenster. Es war nur eine alte Frau da, die etwas kochte.
Der Junge stellte seinen Flugroller vor dem Haus ab, nahm sein Gewehr und ging hinein. „Ich habe ein Gewehr!“ sagte der Junge zu der alten Frau. „Du musst mir etwas zu essen geben!“
„Ich würde dir auch so etwas geben“, sagte die alte Frau, „du kannst dein Gewehr ruhig wegstellen.“
„Du sollst nicht nett sein zu mir!“ sagte der Junge böse. „Mein Gewehr kann dich erschießen!“
Da gab die alte Frau ihm etwas zu essen, und er flog weiter.
So lebte der Junge nun. Er richtete sich ein Versteck ein in einem verlassenen Haus. Wenn er hungrig war, flog er irgendwohin, wo es Leute gab, und zwang sie mit seinem Gewehr, ihm etwas zu essen zu geben.
Sonst flog er über die verlassenen Schlachtfelder und sammelte Teile von Waffen und Fahrzeugen, die dort liegengeblieben waren. Das brachte er alles in sein Versteck.
„Ich werde mir einen Riesenpanzerroboter bauen!“ sagte er zu sich selbst. „Er wird hundert Meter groß sein und hunderttausend Tonnen schwer, und ganz oben in seinem Kopf werde ich meine Lenkkabine haben. Dann bin ich mächtig, und niemand kann mir etwas tun.“
Eines Tages kam an seinem Versteck ein Mädchen vorbei. Der Junge ging mit seinem Gewehr hinaus und sagte: „Du musst weggehen! Mein Gewehr kann dich erschießen !
„Ich will doch gar nichts von dir“, sagte das Mädchen. „Ich bin nur schauen gegangen, ob die Pilze wieder wachsen.“
„Du musst weggehen!“ sagte der Junge. „Ich will niemanden bei mir haben!“
„Bist du denn ganz allein?“ fragte das Mädchen.
„Nein“, sagte der Junge, „ich habe ein Gewehr und einen Flugroller, die sind meine Familie. Und eines Tages werde ich einen Riesenpanzerroboter haben!“
„Hast du denn niemand Lebendiges?“ fragte das Mädchen.
„Ich hätte einen Hund haben können. Aber wenn man ihn getötet hätte, hätte ich vor Weinen sterben müssen.“
„Ich habe auch niemand Richtiges“, sagte das Mädchen. „Wir könnten zusammenbleiben.“
„Ich will niemand haben, den ein Gewehr erschießen kann!“
„Dann musst du dir eben jemand suchen, den kein Gewehr erschießen kann!“ sagte das Mädchen und ging fort.
Der Junge aber baute sich einen Riesenpanzerroboter und setzte sich hinein. Ganz oben in den Kopf setzte er sich, dort, wo er die Lenkkabine eingebaut hatte.
Dann machte er sich auf und führ in seinem Riesenpanzerroboter durch das Land. Überall schrieen die Leute, wenn sie ihn kommen sahen, und wollten davonlaufen. Aber dem Riesenpanzerroboter konnten sie nicht entkommen.
Der Junge hatte oben in seiner Lenkkabine ein Mikrofon, und alles, was er da hineinsagte, kam brüllend aus dem Mund des Riesenpanzerroboters. „Ist hier jemand, den ein Gewehr nicht erschießen kann?“ brüllte der Roboter. Aber wo immer er hinkam, liefen die Leute nur vor ihm davon, und nie fand er jemanden, den ein Gewehr nicht erschießen kann.
Eines Tages aber sah er von seiner Lenkkabine hoch oben, dass da unten jemand nicht weglief vor ihm, sondern stehen blieb und etwas hinaufrief. Er war aber so hoch oben, dass er es nicht hören konnte.
„Vielleicht ist das jemand, den ein Gewehr nicht erschießen kann?“ dachte der Junge und kletterte hinunter. Es war aber die alte Frau, die ihm damals Essen gekocht hatte. „Wolltest du mir etwas sagen?“ fragte der Junge.
„Ja“, sagte die alte Frau. „Ich habe von jemandem gehört, den ein Gewehr nicht erschießen kann. Ich dachte, das muss ich dir sagen.“
„Und wer ist das?“ fragte der Junge.
„Es ist ein alter Mann, der oben auf dem Mond wohnt.“
„Dann muss ich ihn suchen“, sagte der Junge ,“denn ich will niemanden haben, den ein Gewehr erschießen kann.“ Und er legte einen Hebel um, und sein Riesenpanzerroboter verwandelte sich in eine Riesenpanzerrakete und flog mit ihm zum Mond.
Oben auf dem Mond musste der Junge lange suchen. Aber schließlich fand er den alten Mann. Der saß hinter einem Fernrohr und schaute auf den blauen Planeten hinunter.
„Bist du der, den kein Gewehr erschießen kann?“ fragte der Junge den alten Mann.
„Ich glaube schon“, sagte der alte Mann.
„Und was siehst du da in deinem Rohr?“
„Ich studiere die Leute auf dem Planeten unten.“
„Kann ich vielleicht bei dir bleiben?“ fragte der Junge.
„Vielleicht“, sagte der alte Mann. „Warum willst du denn gerade bei mir bleiben?“
„Weil ich bei niemandem bleiben will, den man erschießen kann. Als meine Eltern gestorben sind, habe ich alle Tränen geweint, die ich hatte. Ich hätte einen Hund haben können, aber wenn man ihn getötet hätte, hätte ich vor Weinen sterben müssen. Ich hätte auch bei einer alten Frau bleiben können oder bei einem kleinen Mädchen. Aber sie waren nicht gepanzert gegen Gewehrkugeln, und wenn man sie getötet hätte, hätte ich vor Weinen sterben müssen.“
„Es ist gut“, sagte der alte Mann, „du kannst bei mir bleiben. Mich kann niemand erschießen, denn hier gibt es keine Gewehre.“
„Ist es nur das?“ fragte der Junge.
„Ja, nur das“, sagte der alte Mann.
„Ich habe aber mein Gewehr mitgebracht.“
„Schade“, sagte der alte Mann, „jetzt kannst du nicht bei mir bleiben. Dein Gewehr könnte mich erschießen. „
„Dann muss ich also wieder gehen“, sagte der Junge.
„Ja“, sagte der alte Mann.
„Schade“, sagte der Junge.
„Tut es dir leid?“ fragte der alte Mann.
„Ja“, sagte der Junge, „ich wäre gern hier geblieben.“
„Du könntest vielleicht dein Gewehr wegwerfen?“ sagte der alte Mann.
„Vielleicht“, sagte der Junge.
„Und dann könntest du doch bei mir bleiben“, sagte der alte Mann.
„Vielleicht“, sagte der Junge. „Und was würde ich dann tun?“
„Du könntest durch dieses Fernrohr schauen. Dann könntest du vielleicht herausfinden, warum die Leute da unten Kriege führen.“
„Und warum führen sie Kriege?“
„Ja, ich weiß es auch nicht. Es hat wohl damit zu tun, dass sie nicht genug voneinander wissen. Dass sie so viele sind und ihr Leben so kompliziert ist, dass keiner weiß, was seine Taten für Folgen haben. Dass sie nicht wissen, woher das Fleisch kommt, das sie essen, und wohin das Brot geht, das sie backen. Dass sie nicht wissen, ob aus dem Eisen, das sie aus der Erde holen, Bagger gemacht werden oder Kanonen. Dass sie nicht wissen, ob sie das Fleisch, das sie essen, nicht anderen wegessen. Wenn sie sich so von oben sehen könnten, würden sie vieles vielleicht besser verstehen. „
„Dann müsste man es ihnen zeigen?“ sagte der Junge.
„Vielleicht“, sagte der alte Mann, „aber ich bin zu alt und zu müde dazu.“
Da erst ließ der Junge sein Gewehr fallen, und es fiel durch den Weltraum hinunter, bis auf den Planeten, und dort zerbrach es.
Der Junge aber blieb lange, lange Zeit bei dem alten Mann auf dem Mond und schaute durch das Fernrohr und studierte die Leute da unten. Und eines Tages ist er vielleicht hinuntergeflogen und hat ihnen erklärt, was sie falsch gemacht haben.
Auf einem winzigen Planeten, da lebten einmal welche, die waren fleißig, und andere, die waren weniger fleißig. Dann gab es noch ein paar ganz Fleißige und ein paar ganz Faule. Mit einem Wort - es war so wie überall im Universum.
Nur dass die Faulen und die Fleißigen alles, was sie erzeugten - es waren hauptsächlich verschiedene Sorten Karotten -, auf einen Haufen schmissen und dann gemeinsam davon aßen. Das war nicht so wie überall.
Eines Tages aber sagten ein paar ganz Fleißige:
„Jetzt reicht’s aber. Wir schuften und schuften, und dann kommen die andern daher, die den ganzen Tag auf dem Rücken liegen und in die Sonne pfeifen, und wollen unsere Karotten essen.“ Und sie schmissen ihre Karotten nicht mehr auf den gemeinsamen Haufen, sondern behielten sie zu Hause und fraßen sich dicke Wänste an.
Die ganz Faulen zuckten nur die Achseln und aßen weiter vom großen Haufen, und natürlich aßen sie mehr davon weg, als sie selber hinbrachten.
Da merkten die Mittelfleißigen und die Mittelfaulen, dass jetzt doch auf jeden weniger kam; denn die ganz Fleißigen hatten ja immer besonders viele Karotten gebracht, mehr, als sie selber aßen.
Also sagten die Mittelfleißigen: „Dann wollen wir aber auch unsere Karotten selber behalten“, und sie schmissen sie nicht mehr auf den großen Haufen, sondern machten sich jeder ein kleines Häuflein bei sich zu Hause.
Und die Mittelfaulen machten es ebenso. „Es bleibt uns ja gar nichts anderes übrig“, sagten sie zu den ganz Faulen.
Und jetzt hatte jeder seinen eigenen Karottenhaufen vor seiner Hütte, und wenn er Lust auf eine Karottensorte hatte, die nicht in seinem Haufen vorkam, dann musste er sehen, ob er sie bei jemand anderem eintauschen konnte.
Da fing bald ein Kommen und Gehen an, und nach der Arbeit hatten die Leute noch stundenlang zu tun mit Karottentauschen, bis jeder alle Karottensorten im Hause hatte, die er brauchte oder zu brauchen glaubte.
„Das sind ja ganz neue Sitten!“ sagten die ganz Faulen unter sich. Für sie gab es jetzt keinen gemeinsamen Haufen mehr, von dem sie hätten schmarotzen können. Daraus zog aber jeder eine andere Lehre. Einige sagten sich: „Na schön, da muss ich eben doch mehr arbeiten.“ Das war allerdings nicht so einfach, denn wenn so ein bekehrter Fauler auf ein Feld kam, um dort Karotten zu pflanzen, war da meistens einer, der sagte: „He, hier habe doch immer ich Karotten gepflanzt, das ist mein Feld!“
Andere aber gingen einfach zu den Hütten der Reicheren und nahmen sich dort von den Karottenhaufen, worauf sie gerade Lust hatten. „Wir haben immer vom gemeinsamen Haufen genommen. Und wenn es jetzt viele Haufen gibt, dann sind das eben viele gemeinsame Haufen. Wir nehmen uns jedenfalls davon“, sagten sie.
Das war natürlich den Reicheren nicht recht, und einige fingen an, Zäune um ihre Karottenhaufen zu bauen. Da mussten bald alle Zäune um ihre Haufen bauen. Denn je mehr Leute Zäune um ihre Haufen hatten, um so mehr holten sich die ganz Faulen, die an den alten Sitten festhielten, von den Haufen ohne Zäune.
Über kurz oder lang hatten alle, die einen Haufen hatten, auch einen Zaun darum. Jetzt hatten sie nach der Arbeit nicht nur mit dem Tauschen, sondern auch noch mit dem Flicken und Ausbessern ihrer Zäune zu tun und mit dem Aufpassen, dass keiner drüberkletterte.
Bald murrten einige: „Früher haben wir uns nach der Arbeit alle beim großen Karottenhaufen getroffen und Witze erzählt und Bockspringen veranstaltet. Jetzt hocken wir nach der Arbeit nur noch zu Hause, bewachen unsere Karotten und bessern unsere Zäune aus. Und am Morgen sind wir todmüde und können gar nicht gescheit Karotten pflanzen. Irgendwie haben wir jetzt viel mehr zu tun als früher, aber die Karotten werden davon nicht mehr.“
Und einige schlugen vor, man sollte doch wieder zur alten Sitte mit dem großen gemeinsamen Haufen zurückkehren. „Lieber füttern wir doch ein paar ganz faule Schmarotzer mit, als dass wir uns dauernd mit dem Tauschen und Aufpassen und Zäuneflicken abplagen!“
Aber die Reichsten sagten: „Nein, wenn wir zur alten Sitte zurückkehren, dann heißt das, das Schmarotzen zu erlauben. Dann werden alle schmarotzen wollen, und keiner wird mehr Karotten anpflanzen, und wir werden alle verhungern!“
„Aber so doch nicht“, sagten die anderen. „Den meisten ist es zu langweilig, den ganzen Tag auf dem Rücken zu liegen und der Sonne was vorzupfeifen. Es gibt doch nur ganz wenige, die wirklich so faul sind. Karottenpflanzen macht doch in Wirklichkeit Spaß.“
„Nein“, sagten die Reichsten, „Karottenpflanzen macht keinen Spaß. Nur Karottenhaben macht Spaß.
Ihr könnt ja eure Karotten mit den Faulenzern teilen, wenn ihr wollt. Wir jedenfalls reißen unsere Zäune nicht mehr ab!“
„Tja“, sagten da einige von den Mittelreichen, „wenn die Ganzreichen nicht mitmachen, dann wollen wir unsere Zäune lieber auch behalten, wir haben ja nicht soviel, dass wir es mit den Faulenzern teilen könnten.“
Und die Mittelarmen sagten: „Ja, wenn nur wir teilen sollen, dann haben alle zuwenig, da können wir nicht mitmachen. Wir müssen unsere Zäune leider behalten. „
Und so wurde diesmal nichts daraus. Und obwohl eigentlich die meisten wussten, dass jetzt alle mehr Arbeit hatten, ohne dass es deswegen mehr Karotten gab, schafften sie es einfach nicht, zur alten Sitte zurückzukehren.
Dafür passierten einige andere interessante Dinge. Einige von denen, die keine großen Karottenfelder hatten, gingen zu einigen Reicheren und sagten:
„Hört einmal, wenn ihr mir jeder jeden Tag ein paar Karotten gebt, dann pass ich dafür auf eure Haufen auf.“
Und andere kamen auf die Idee und boten an: „Wer mir Karotten gibt, dem flicke ich dafür seinen Zaun!“
Und wieder andere gingen von Haus zu Haus und sagten: „Gebt mir ein paar von euren Karotten, ich gehe sie für euch eintauschen, wenn ich dafür jede fünfte Karotte behalten darf.“
Das ging so eine Weile, und dann kratzten sich einige am Kopf und sagten: „Eigentlich sollte ich jetzt mehr Zeit haben, aber jetzt muss ich wieder mehr Karotten anpflanzen, damit ich den Zäuneflicker und den Nachtwächter und den Karottentauscher bezahlen kann!“
Und wieder schlugen einige vor, zur alten Sitte zurückzukehren und die Zäune abzureißen. Aber seltsamerweise waren jetzt nicht nur die Reichsten dagegen, sondern auch die Ärmsten: „Wollt ihr uns unsere Arbeit wegnehmen!“ schrieen die Zäuneflicker.
„Wovon sollen wir leben?“ schrieen die Nachtwächter.
„Sollen wir verhungern?“ schrieen die Karottentauscher.
Tja, und so blieb es eben bei der neuen Sitte.
Warum
sieht mich der da
so misstrauisch an?
Hat er Angst vor mir?
Warum
hat der da
wohl Angst vor mir?
Glaubt er, ich will ihm was tun?
Warum
glaubt der da,
ich will ihm was tun?
Ich
tu doch keinem was!
Ich tu keinem was, außer,
es will einer mir was tun!
Wenn der also glaubt,
ich will ihm was tun,
dann
nur, weil er weiß: Ich tu jedem was,
der mir was tut.
Also:
will der mir was tun!
Da geh ich wohl besser gleich hin und hau ihm eins in die
Fresse,
damit er mir nichts tun kann.
Autsch!
Seine Faust war schneller als meine.
Jetzt
liege ich da.
Aber ich hab’s ja gleich gewusst,
dass der mir was tun will!
Wir sind ein friedliches Land
und greifen niemanden an.
Es
sei denn,
wir würden angegriffen.
Wer nicht vorhat,
uns anzugreifen,
braucht
keinerlei Angst vor uns zu haben.
Wer sich vor uns
zu schützen versucht,
beweist
dadurch,
dass er Angst vor uns hat.
Wer vor uns Angst hat,
beweist dadurch,
dass er
vorhat,
uns anzugreifen.
Also ist doch klar,
dass wir jeden angreifen müssen,
der Verteidigungsmaßnahmen vorbereitet.
Auf dem Planeten Hortus lebten die Apfelleute, die Pflaumenleute, die Birnenleute und die Himbeerleute. Die Apfelleute lebten von Apfelmus, Apfelkompott, Apfelmarmelade und Apfelkuchen. Die Pflaumenleute lebten von Pflaumenmus, Pflaumenkompott, Pflaumenmarmelade und Pflaumenkuchen. Und bei den Birnenleuten und den Himbeerleuten war es so ähnlich.
Das ging eine Zeit lang ganz gut, aber eines Tages hing den Birnenleuten die ewige Birnenmarmelade zum Hals heraus. Da sagte einer von den Birnenleuten: „Wisst ihr was! Wir sollten Räuber werden!“
„Räuber? Was ist denn das?“
„Ganz einfach: Wir schleichen uns in der Nacht an die Pflaumenleute heran, und wenn sie alle schlafen, fallen wir über sie her und verprügeln sie. Dann nehmen wir so viele Pflaumen, wie wir tragen können, und rennen davon. Und dann können wir endlich einmal Pflaumenmus und Pflaumenmarmelade, Pflaumenkompott und Pflaumenkuchen essen!“
„Bravo!“ schrien die Birnenleute. „Das wird ein Spaß!“
Und sie schlichen sich an das Dorf der Pflaumenleute an, und als alle schliefen, fielen sie über das Dorf her, drangen in die Häuser ein und verprügelten die Pflaumenleute. Dann nahmen sie so viele Pflaumen, wie sie tragen konnten, und rannten davon.
Die Pflaumenleute waren ganz erschrocken und traurig. „Was war das?“ sagte sie zueinander. „So etwas hat es noch nie gegeben! Vielleicht sind die Birnenleute verrückt geworden? Wir sollten die Frau Zwetschkenstiel zu ihnen schicken!“
Die alte Frau Zwetschkenstiel konnte nämlich aus Pflaumenkernen ein Öl machen, damit heilte sie alle Krankheiten außer gebrochenen Beinen.
Also machte sich die Frau Zwetschkenstiel mit ihrem Kännchen voll Pflaumenkernöl auf den Weg.
Aber am Abend kam sie wieder zurück. „Sie wollen sich nicht heilen lassen“ sagte sie. „Sie haben mir Prügel angedroht und mich weggeschickt.“
„Das ist schlimm!“, sagten die Pflaumenleute traurig. „Was machen wir jetzt?“
„Wenn sie sich nicht heilen lassen wollen, dann sind sie nicht krank, sondern böse. Wir müssen sie bestrafen!“
„Ja, das machen wir! Wir überfallen sie, und nehmen ihnen ihre Birnen weg. Das ist nur gerecht!“
Und alle jubelten und schrieen durcheinander, und nur die Frau Zwetschkenstiel schüttelte besorgt den Kopf.
Also machten sich die Pflaumenleute auf den Kriegspfad, und in der Nacht fielen sie über die Birnenleute her und verprügelten sie. Dann nahmen sie so viele Birnen, wie sie tragen konnten, und liefen weg.
„Und was macht ihr, wenn sie morgen wieder über uns herfallen?“ fragte die Frau Zwetschkenstiel.
Da schauten alle besorgt, aber der junge Herr Kern sagte: „Wir stellen einfach Wachen auf rund um das Dorf, mit langen Stangen, und wenn sie dann kommen, verprügeln wir sie.“
Und das machten sie auch, und als die Birnenleute ein paar Nächte später wieder kamen, kriegten sie entsetzliche Dresche.
„Na, was hab ich gesagt! Wir haben es ihnen ordentlich gegeben!“ sagte der Herr Kern stolz. „Die trauen sich so bald nicht mehr über uns herzufallen.“
„Schön, schön“, sagten die jungen Männer, die Wache gehalten hatten. „Aber weißt du was: „Wir haben zwei Wochen lang jede Nacht Wache gehalten, und am Tag haben wir geschlafen. Inzwischen haben wir allen unseren Pflaumenkuchen und alle unsere Pflaumenmarmelade aufgegessen, und wir haben keine Zeit gehabt zu kochen oder zu backen!“
„Dann sollen euch alle etwas geben!“, sagte der Herr Kern, „denn ihr habt ja für alle Wache gehalten!“
Da gaben alle Pflaumenleute den Wächtern etwas, und der Herr Kern kriegte am meisten. „Denn ich muss mich ja um alles kümmern!“, sagte er. „Ich trage die Verantwortung!“
Aber nach einiger Zeit murrten die Pflaumenleute, denn bisher hatte es immer gerade für alle gereicht. Aber jetzt, wo all die jungen Männer Wache hielten, statt sich um die Pflaumenbäume zu kümmern und zu kochen und zu backen, jetzt reichte es nicht mehr.
„Ja“ sagte der Herr Kern, „wer ist schuld, dass unsere jungen Männer nicht arbeiten können, sondern Wache halten müssen? Die Birnenleute! Also müssen die Birnenleute dafür bezahlen!“
Und er marschierte mit seinen Männern zum Dorf der Birnenleute, um sie wieder auszurauben. Aber die Birnenleute hatten auch Wachen aufgestellt, und es gab eine fürchterliche Prügelei in der Mitte zwischen den beiden Dörfern, und die Pflaumenleute kamen nicht an die Birnen heran.
Da sagte der Herr Kern: „Wir müssen Netze knüpfen, und sie über die Wachen der Birnenleute werfen. Dann können wir sie besiegen und das Dorf ausrauben!“
Also mussten alle Pflaumenleute Netze knüpfen, und diesmal gelang der Raubzug.
Stolz kam der Herr Kern an der Spitze seiner Truppen zurück, und jeder der jungen Männer trug einen Sack Birnen auf den Schultern. Der Herr Kern trug auch etwas, nämlich die Verantwortung.
In der Mitte des Dorfs ließ der Herr Kern die Birnen zu einem großen Haufen aufschütten. Dann teilte er den Haufen in drei kleinere Haufen. „So“ sagte er: „Ein Haufen wird unter alle Dorfbewohner verteilt, damit alle genug zu essen haben. Ein Haufen wird unter meine Soldaten verteilt, weil sie so tapfer gekämpft haben. Und einen Haufen bekomme ich, weil ich die Verantwortung für alles trage.“
Und alle jubelten und klopften dem Herrn Kern auf die Schulter. Nur die alte Frau Zwetschkenstiel schüttelte besorgt den Kopf, und sagte: „Und wenn sie jetzt auch Netze knüpfen, die Birnenleute?“
„Ich weiß schon!“, sagte der Herr Kern. „Wir bauen eine Mauer rund um das Dorf, dann können sie uns nie mehr überfallen“
Und so mussten die Pflaumenleute eine Mauer rund um das Dorf bauen.
Aber die Birnenleute wollten ihre Niederlage nicht auf sich sitzen lassen. Und als ihre Kundschafter berichteten, dass die Pflaumenleute eine Mauer um ihr Dorf bauten, da bauten die Birnenleute auch eine Mauer um ihr Dorf. Und sie knüpften Netze, um die Wachen fangen zu können. Und außerdem bauten sie sich Leitern, um über die Mauer der Pflaumenleute klettern zu können. Und eines Nachts überfielen sie mit ihren Leitern das Pflaumendorf und raubten es aus.
„Jetzt ist es genug!“ sagte da der Herr Kern. „Wir müssen diesen weichen Birnen endlich eine Lektion erteilen, von der sie sich nie wieder erholen!“
Und er befahl den Pflaumenleuten, einen großen Turm auf Rädern zu bauen. Den wollte er zu der Mauer des Birnendorfs schieben und dann von oben Feuer auf die Häuser der Birnenleute werfen. Aber die Birnenleute bauten inzwischen eine gewaltige Steinschleuder, mit der sie die Mauer des Pflaumendorfs zusammenschießen wollten.
Und eines Nachts schlich die Armee der Pflaumenleute auf das Dorf der Birnenleute zu, und die Armee der Birnenleute schlich auf das Dorf der Pflaumenleute zu. Und weil die Nacht dunkel und neblig war, schlichen die Armeen aneinander vorbei, ohne es zu bemerken. Als die Pflaumenleute ihren Turm vor der Mauer der Birnenleute aufgestellt hatten, stieg der Herr Kern hinauf und brüllte: „Macht das Tor auf, und ergebt euch, sonst zünden wir euer ganzes Dorf an.“
Und weil die Armee der Birnenleute fort war, machten die Dorfbewohner die Tore auf und ließen die Pflaumenleute herein. Und als die Birnenleute ihre Steinschleuder vor die Mauer des Pflaumendorfs geschoben hatten, schrieb ihr Anführer auf einen Zettel: „Ergebt euch, sonst wird euer ganzes Dorf zerschossen!“ Und den Zettel wickelte er um einen Stein und ließ ihn über die Mauer schießen. Und die Pflaumenleute machten auch die Tore auf und ließen die Birnenleute herein.
Aber als die Armeen anfangen wollten zu rauben, da war fast nichts mehr da. Nur ein paar Töpfchen Marmelade, ein paar vertrocknete Kuchen, und ein Rest Kompott, aber das war schon schimmlig geworden.
„Es ist nichts mehr da“ sagten die Birnenleute zu den Pflaumensoldaten. „Wir haben keine Zeit gehabt zu kochen und uns um die Bäume zu kümmern, es ist alles für den Krieg aufgegangen.“
„Wir haben nichts mehr“ sagten die Pflaumenleute zu den Birnensoldaten, „wir haben keine Zeit gehabt, die Bäume zu pflegen und Kuchen zu backen, es ist alles für den Krieg aufgegangen.“
„Mist!“ sagte der Anführer der Birnensoldaten, und kehrte wieder um.
„Verdammt!“ sagte der Herr Kern und führte seine Armee wieder zurück. Im Morgengrauen trafen sich die beiden Armeen in der Mitte zwischen den beiden Dörfern und vor lauter Zorn fingen sie eine Prügelei an. Aber die beiden Feldherren prügelten sich nicht. Sie standen jeder auf einem kleinen Hügel, schauten einander böse an und grübelten.
Als sie fanden, dass die Armeen sich genug geprügelt hatten, kommandierten sie Abmarsch, und zogen mit ihren Armeen heim.
Am nächsten Tag rief der Herr Kern die Pflaumenleute zusammen und sagte: „So, jetzt müssen wir schleunigst an die Arbeit gehen und schnell ein paar Pflaumenkuchen backen. Wir müssen schneller backen als die anderen, damit wir früher als sie für die nächste Schlacht gerüstet sind!“
Aber die Frau Zwetschkenstiel sagte: „Das geht nicht. Es sind nämlich keine Pflaumen da, weil sich niemand um die Bäume gekümmert hat. Die Pflaumen sind alle am Boden verfault. Und Mehl für Kuchen ist auch keines mehr da. Und überhaupt geht das so nicht mehr weiter. Was für einen Sinn hat es, dass wir uns gegenseitig ausrauben? Wenn wir genug zu essen haben wollen, muss ein jedes den ganzen Tag arbeiten, die Birnenleute genauso wie wir. Vom Rauben wachsen keine Pflaumen und auch keine Birnen. Wir müssen mit den Birnenleuten Frieden schließen!“
Und die Pflaumenleute, die sich endlich wieder um die Pflaumenbäume kümmern und Kompott machen wollten, stimmten ihr zu.
Nur der Herr Kern war sauer. Denn wenn kein Krieg war, konnte er nicht kommandieren und die Verantwortung tragen, und es gab keine Beute, von der er sich den größten Teil nehmen konnte.
Er wanderte ins Dorf der Himbeerleute und sagte zu ihnen: „Hört zu. Die Birnenleute haben nichts mehr zu essen, sie haben alles für den Krieg ausgegeben. Also besteht die große Gefahr, dass die Birnenleute als nächstes euch ausrauben werden!“
Die Himbeerleute kratzten sich hinter den Ohren und sagten: „Wir haben ihnen doch nichts getan!“
„Das ist egal“ sagte der Herr Kern, „sie sind Räuber und holen sich ihre Beute, wo sie sie kriegen können.“
„Das ist schrecklich!“ sagten die Himbeerleute. „was sollen wir denn da machen? Wir verstehen nichts vom Kriegführen.“
„Aber wir!“ sagte der Herr Kern. „Ich habe einen Vorschlag: Gebt uns ein paar Kübel Himbeeren - wir sind nämlich zufällig gerade etwas knapp mit Obst - und wir helfen euch gegen die Birnenleute.“
„Na schön“, seufzten die Himbeerleute, „was bleibt uns denn anderes übrig!“
Und dann ging der Herr Kern wieder zurück ins Pflaumendorf, und sagte zu den Pflaumenleuten: „Bis nur nächsten Pflaumenernte dauert es noch fast ein Jahr! Wovon wollt ihr denn in der Zwischenzeit leben? Wenn wir Frieden schließen, müssen wir ein ganzes Jahr hungern. Aber wenn wir uns mit den Himbeerleuten verbünden, um gegen die Birnenleute zu kämpfen, dann kriegen wir jetzt gleich Himbeeren von ihnen.“
„Ja, das ist besser“ schrieen die jungen Männer, die sich schon ans Kämpfen gewöhnt hatten. „Kämpfen können wir besser als Pflaumen züchten.“
Die anderen Pflaumenleute kratzten sich hinter den Ohren und sagten: „Ein ganzes Jahr hungern, wer soll denn das aushalten?“ und stimmten auch dem Herrn Kern zu. Nur die Frau Zwetschkenstiel schüttelte besorgt den Kopf.
Der Feldherr der Birnenleute aber hatte sich inzwischen mit den Apfelleuten verbündet. Und so fing alles wieder von vorne an: Die Himbeerleute und die Apfelleute mussten auch Mauern um ihre Dörfer bauen, Netze knüpfen, Leitern und Schleudern und Belagerungstürme bauen, und außerdem noch ihren Beschützern die Hälfte von ihrem Obst abgeben. Und als das Jahr um war, gab es auf dem ganzen Planeten nichts mehr zu essen und nichts mehr zu rauben.
Da rief die Frau Zwetschkenstiel alle Frauen des Planeten zusammen - das ging, weil es ja nur vier Dörfer waren - und sagte zu ihnen:
„So geht das nicht weiter. Vom Rauben und Kriegführen wachsen keine Pflaumen und keine Himbeeren, keine Äpfel und keine Birnen. Irgendwer muss die Arbeit machen, sonst gibt es auch keine Beute. Und weil es nur gerade reicht, wenn ein jedes seine Arbeit macht, können wir uns die ganze Räuberei einfach nicht leisten! Netze und Leitern und Steinschleudern und Mauern und Belagerungstürme kann man nicht essen!“
„Richtig!“ sagten die Frauen.
„Also, dann sagt euren Männern, dass sie sich die Hand geben sollen und schleunigst in die Gärten zurückkommen. Sonst werden wir alle verhungern!“
„Gut!“ sagten die Frauen.
Und so wurde ein Vertrag geschlossen, und die Männer gaben sich alle die Hand und murmelten: „Entschuldigung, wird nicht mehr vorkommen“ und dann war wieder Frieden auf dem Planeten Hortus. Und nach zwei, drei knappen Jahren hatten alle wieder genug zu essen, und die Frau Zwetschkenstiel schickte in alle Dörfer Töpfe mit Pflaumenmarmelade, und die Frauen aus den anderen Dörfern schickten Apfelkuchen und Birnenmus und Himbeerkompott.
Und weil solange Frieden herrschte, hatten die Leute Zeit, auch ein bisschen nachzudenken und etwas zu erfinden. Da erfand einer eine Apfelpflückzange, mit der man die Äpfel pflücken konnte, ohne auf die Bäume zu klettern. Und einer züchtete Himbeersträucher ohne Dornen. Und einer erfand ein Gerät, mit dem man die Pflaumen ganz leicht entkernen konnte. Und einer erfand ein Spezialmesser zum Birnenschälen.
„Fein“ sagten die Frauen, „jetzt braucht ein jedes nur mehr den halben Tag zu arbeiten, und es reicht trotzdem für alle“
Aber eines Tages stand der Herr Kern auf, und sagte zu den Pflaumenleuten: „Das geht nicht, dass wir den halben Tag auf der faulen Haut liegen, nur weil die Arbeit mit dem neuen Pflaumenentkerner jetzt leichter geworden ist. Was ist, wenn den Birnenleuten einfällt, über uns herzufallen und uns zu zwingen, die andere Hälfte des Tages für sie zu arbeiten? Die Birnenleute haben ein neues Birnenschälmesser erfunden. Das ist eine große Gefahr. Denn wenn sie nicht mehr den ganzen Tag arbeiten müssen, damit sie genug zu essen haben, dann haben sie jetzt Zeit, neue Belagerungstürme und Steinschleudern zu bauen! Also dürfen wir nicht den halben Tag mit Spielen und Geschichtenerzählen vertrödeln: Mit unserem neuen Pflaumenentkerner haben wir jetzt Zeit genug, um an unsere Verteidigung zu denken. Statt dass wir alle nur den halben Tag arbeiten, sollte lieber die eine Hälfte von uns den ganzen Tag arbeiten, und die andere Hälfte sollte Steinschleudern bauen und exerzieren. Denn jetzt können wir es uns endlich leisten, eine ständige Armee zu erhalten. Nur so können wir uns davor schützen, dass die Birnenleute wieder über uns herfallen, und uns am Ende noch versklaven!“
Und so hätte beinahe wieder alles von vorne angefangen, wenn nicht. . .
. . . wenn nicht die Frau Zwetschkenstiel aufgestanden wäre, und vor aller Augen dem Herrn Kern ein runtergehaut hätte. Da setzte er sich ganz still hin und sagte nie wieder ein Wort.
Als die Soldaten kamen, versteckten wir uns in einer Höhle draußen in der Wüste. Wir hatten einen Sack aus Ziegenleder gefüllt mit Wasser, ein paar Laibe Brot und ein paar Feigen. Das war alles. Unsere zwei Ziegen hatten wir zurückgelassen. Ich war traurig, denn Großvater sagte, dass wir sie nicht wiedersehen würden. Die Soldaten würden sie töten und essen. Mutter weinte leise, aber sie ließ das Baby an ihrer Brust saugen, damit es nicht zu schreien anfing und unser Versteck verriet. Ich wusste, dass ich nicht weinen durfte, denn ich war ja schon ein großes Mädchen und Großvater sagte, dass ich alles verstehe wie eine Erwachsene. Ich durfte ganz leise mit Großvater sprechen. Nur gelegentlich hörte er ein Geräusch von draußen und dann musste ich still sein, damit er besser horchen konnte.
„Warum werden die Soldaten unsere Ziegen töten?“ fragte ich Großvater. „Mögen sie keine Milch?“
„Ach, die mögen schon Milch, aber Fleisch mögen sie lieber. Und vor allem wollen sie nicht, dass die Soldaten von König Babak die Ziegen essen.“
„Ist das nicht unser König, der König Babak?“
„So sagt man, ja.“
„Hätten wir da nicht die Ziegen mitnehmen sollen, um sie für die Soldaten von König Babak zu retten?“
„Die Ziegen hätten uns verraten. Und es ist gleich, ob die Soldaten von König Babak oder die Soldaten von König Ubuk sie essen.“
„Aber wenn König Ubuk den Krieg gewinnt, werden uns seine Soldaten dann nicht töten?“
„Nein. Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir Tribut an König Ubuk zahlen müssen statt an König Babak. Das ist der ganze Unterschied.“
„Aber ist Babak nicht unser rechtmäßiger König und der Vater des Landes? Ist er nicht der Vater von uns allen?“
„Das sagen die Priester, ja. Aber vor ihm war Erek unser König und der Vater des Landes, und wir mussten im Tempel für seine Gesundheit beten. Dann hatten Babak und Erek Streit, weil Erek die Ehre von Babak besudelt hatte, und Babaks Armee besiegte Erek und Erek wurde getötete und Babak eroberte hat sein Land.“
„Hat nicht auch König Ubuk König Babaks Ehre besudelt?“
„So heißt es, ja.“
„War dann nicht Babak im Recht, für seine Ehre zu kämpfen?“
„Könige tun so etwas, ja.“
„Kämpfst du nicht um deine Ehre, Großvater?“
„Wir Bauern kämpfen nicht um unsere Ehre. Wenn der Priester mich ein faules Schwein nennt, weil ich ihm nicht genug Korn zum Speicher bringe, dann kann ich meine Ehre nicht verteidigen. Die Priester würden mich zu Tode peitschen lassen. Aber bei Königen ist das etwas anderes. Könige müssen lernen, ihre Ehre zu verteidigen.“
„Warum die Könige und die Bauern nicht?“
„Ach, wenn ein König die Ehre von einem anderen König besudelt, dann ruft der seine Armee zusammen und kämpft mit dem anderen König. Manchmal verliert er sein Leben in der Schlacht. Und manchmal wird der andere König getötet und der Sieger nimmt sich das Land des Verlierers und fügt es seinem eigenen Reich hinzu. Der Verlierer erfährt nicht, dass man auch sterben kann, wenn man seine Ehre verteidigt, weil er nämlich tot ist. Und der Sieger lernt, dass es sich lohnt, seine Ehre zu verteidigen. Als mein Großvater jung war, gab es in diesem Tal dreißig kleine Königreiche. Jetzt gibt es fünf große.“
„Weil die Könige Streit miteinander hatten? Weil ihre Ehre befleckt worden war?“
„Es war immer irgendwas von der Art.“
„Und war es immer schon so? Hat es immer schon Kriege gegeben, damit die Königreiche größer und größer werden können?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Großvater. „Mein Großvater hat gesagt, dass einmal eine Zeit war, wo es keine Könige gegeben hat, nur Bauern. Er hat gesagt, dass sie in Dörfern zusammen gelebt haben. Und dass sie von Krieg nichts gewusst haben. Ich kann mir vorstellen, dass es wahr ist, was Großvater gesagt hat. Warum sollten sie mit dem Nachbardorf kämpfen? Warum sollten sie ihnen ihr Land wegnehmen wollen? Ein Bauer kann nur so und so viel Land bebauen. Er hat keine Verwendung für mehr Land, als er mit seiner Familie beackern kann. Nun ja, vielleicht hatten sie viele Kinder und nach einiger Zeit gab es mehr Familien, die Land brauchten. Würden sie dann einen Kampf beginnen, um jemand anderem das Land wegzunehmen? Ich glaube nicht. Ich glaube, sie würden lieber das Land, das hatten, aufteilen, als einen Kampf zu beginnen und zu riskieren getötet zu werden. Und sogar, wenn sie einen Kampf beginnen würden, dann würden sie aufhören, wenn sie genug Land erobert hätten. Ihrer Gier wäre immer eine Schranke gesetzt, weil sie das Land selbst bebauen mussten. Aber die Gier eines Königs ist ohne Ende.“
„Ist denn ein König ein anderes Wesen als ein Bauer?“ sagte ich. „Ist es vielleicht eine andere Tierart, so wie Ziegen keine Schafe sind?“
„Ich glaube nicht“, sagte Großvater. „Wenn du den Sohn eines Bauern nimmst und ihn als einen König aufziehst, dann wird er alle die Dinge tun, die Könige tun.“
„Warum sind dann Könige anders?“
„Weil die Art, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen, eine andere ist. Mein Großvater sagte, dass es früher, in der alten Zeit, außer Bauern auch noch Jäger gegeben hat. Die haben auch nicht um Land gekämpft gegen einander. Jede Gruppe hatte ihr Jagdgebiet, und sie hatten keine Verwendung für größere Jagdgründe. Aber eines Tages wurde das Wetter trockener und die Wälder wurden kleiner und die Tiere in den Wäldern wurden weniger. Und die Jäger entdeckten ein neues Wild. Sie entdeckten die Speicher der Bauern, die gefüllt waren mit Saatgut für das nächste Jahr, und ihre Ställe mit Ziegen und Schafen und Schweinen. Sie stahlen von den Bauern und wenn die Bauern sich wehrten, töteten sie sie. Die Jäger konnten besser mit Waffen umgehen als die Bauern, sagte mein Großvater, weil sie sie jeden Tag benutzten. Und bald entdeckten sie, dass es für sie besser war, nicht alle Bauern umzubringen und ihnen nicht alles wegzunehmen. Denn wenn die Bauern überlebten und etwas Saatgut und etwas Futter übrig behielten, dann pflanzten sie wieder Korn und zogen wieder Tiere auf und im nächsten Jahr konnte man sie wieder ausrauben. Und ein paar schlaue Häuptlinge schlossen Verträge ab mit den Bauern und sagten ihnen: Wenn ihr mir jedes Jahr so und so viel Korn und so und so viel Vieh als Tribut gebt, dann beschütze ich euch gegen andere Räuber. So wurden die Jäger zu Kriegern und ihre Häuptlinge zu Königen.
Und für einen König ist Landbesitz ein anderes Ding als für einen Bauern. Weil ein König nämlich nicht selber arbeitet auf seinem Land. Er hat Bauern, die arbeiten und ihm Korn und Butter und Fleisch und Wolle und andere Dinge abliefern. Und der König isst und gebraucht das alles nicht selber. Er ernährt und kleidet damit seine Soldaten und Priester, die Schmiede, die ihm die Schwerter machen und die Bogner, die Pfeil und Bogen machen für die Soldaten und die Baumeister und Maurer, die Paläste und Tempel bauen. Und das alles gebraucht er, um mehr Land zu erobern, damit er mehr Tribut bekommt, damit er noch mehr Soldaten beschäftigen kann, die ihm noch mehr Land erobern und so weiter.“
„Also würde es keine Kriege geben, wenn es keine Könige gäbe?“ fragte ich.
„Wenn es keine Leute gäbe, die von anderer Leute Arbeit leben, dann würde das Kämpfen wenigstens nicht so endlos sein wie es jetzt ist. Vielleicht würde es keine Paläste geben und die Tempel wären kleiner und es würde nicht so viele Künstler geben, die so wunderbaren Schmuck und so herrliche Statuen machen, weil niemand sich so etwas leisten könnte. Die Teppiche wäre weniger bunt, aber dafür hätte jeder einen um darauf zu schlafen statt auf dem nackten Boden. Vielleicht würde es hie und da Streit und Kampf geben, aber die würden beendet werden.“
„Also wird das Kämpfen nie mehr aufhören?“ fragte ich Großvater.
„Vielleicht nach vielen tausend Jahren, wenn die ganze Welt ein einziges Reich geworden ist.“
„Aber können wir nicht so leben wie früher, als es noch keine Könige gab?“
„Ich glaube nicht“, sagte Großvater, „wie könnte das sein? Die Soldaten der Könige haben Schwerter und Bogen und Pfeile und was haben wir?“
„Aber wenn alle Bauern auf der Welt sich einigen würden, keine Könige und Soldaten mehr zu ernähren?“
„Das ist nicht möglich“, sagte Großvater. „Wer würde Boten zu ihnen allen schicken?“
Als die Soldaten abgezogen waren, war das Dorf leer. Alles Vieh war getötet oder weggenommen worden, alles Korn war aus den Speichern geholt und verbrannt worden. Sogar unsere Hacken und Sicheln waren fort. Großvater zeigte uns, wie wir im Fluss Fische fangen konnten, und welche wilden Kräuter wir kochen konnten, und irgendwie kamen wir durch die Trockenzeit. Als der Regen kam, wuchs etwas Korn auf den Feldern aus Samen, die bei der Ernte zu Boden gefallen waren, und wir buken keinen einzigen Laib Brot, sondern hoben alles Korn für die nächste Aussaat auf. Schritt für Schritt erweckten wir die Felder wieder zum Leben. Mutter starb und dann starb Großvater auch und mein kleiner Bruder heiratete ein Mädchen aus dem Nachbardorf und sie bekamen ein Kind.
Und eines Tages kamen die Soldaten.
Zwei kämpften einen schweren Kampf miteinander. Der eine war groß, der andere war dick, der eine war schwer, der andere zäh, der eine war stark, der andere war wild.
Der Starke haute dem Wilden die Nase ein. Da spürte er: Der hat ja eine Nase wie ich.
Der Wilde zerbrach dem Starken die Rippen. Da spürte er: Diese Rippen knacken ja wie die meinen.
Der Starke bohrte dem Wilden ein Auge aus. Da spürte er: Das Auge ist ja weich und empfindlich wie meines.
Der Wilde trat den Starken in den Bauch. Da spürte er: Dieser Bauch gibt ja nach wie der meine.
Der Starke drückte dem Wilden den Hals zu. Da spürte er: Der braucht Luft zum Atmen wie ich.
Der Wilde presste dem Starken die Faust in die Herzgrube. Da merkte er: Dem schlägt ja ein Herz wie das meine.
Als die beiden hinfielen und nicht mehr hochkommen konnten, da dachten sie beide: „Der ist ja wie ich, der da.“ Aber das nützte ihnen nicht mehr viel.
Als Herr Balaban Rekrut sein musste, erklärte der Ausbildner einmal: „So, heute üben wir den Kampf Mann gegen Mann. Das ist im Ernstfall sehr wichtig für euch!“
„Ach“, meldete sich Herr Balaban, „wenn es wirklich im Ernstfall zum Kampf Mann gegen Mann kommt - könnten Sie mir meinen Mann dann zeigen? Vielleicht kann ich mich mit ihm ja gütlich einigen?“
Der große Krieg auf dem Mars war zu Ende gegangen.
Müde und traurig schleppten sich die hellrosa Gnuffs nach Hause. „Nie wieder einen Krieg!“ stöhnten sie. Sie hatten den Krieg verloren.
Müde und traurig schleppten sich auch die blasslila Moffer nach Hause. „Nie wieder einen Krieg!“ stöhnten sie. Dabei hatten sie den Krieg gewonnen.
Aber auf dem Schlachtfeld lagen fast genauso viele tote Moffer wie tote Gnuffs, und schrecklich viel grünes Blut war geflossen.
Der Großpräsident der Gnuffs und der Hochkönig der Moffer trafen sich an dem Grenzfluss und schlossen einen Vertrag miteinander ab: „Nie wieder soll es Krieg zwischen den Gnuffs und den Moffern geben“, versprachen sie einander.
Und in beiden Ländern wurden große Friedensfeiern abgehalten.
„Schicken wir unseren General in Pension! „ schrieen die Gnuffs auf ihrer Feier.
„Geben wir unserem Marschall die Kündigung!“ riefen die Moffer bei ihrem Fest.
„Die Soldaten sollen Erdbeeren pflanzen!“ schrieen die Gnuffs.
„Die Soldaten können jetzt Hosen nähen!“ riefen die Moffer.
Doch da sagte der General der Gnuffs: „So geht das nicht. Wenn wir keinen General und keine Soldaten mehr haben, dann fallen die Moffer gleich wieder über uns her. Wir müssen eine starke, wachsame Armee haben, damit es nie wieder einen Krieg geben kann!“
Und der Marschall der Moffer sagte: „So geht das nicht. Wenn die Gnuffs sehen, dass wir keine Armee mehr haben, werden sie sich doch sofort für den verlorenen Krieg rächen. Also brauchen wir Soldaten und einen Marschall.“
„Na ja, stimmt ja wohl“, grummelten die Gnuffs.
„Wo er recht hat, hat er recht“, mümmelten die Moffer.
Und dann gingen alle nach Hause und an ihre Arbeit, die Gnuffs in ihre Türme und die Moffer in ihre Höhlen.
Und der General der Gnuffs sagte zu sich: „Ich will nicht schon wieder einen Krieg, aber wenn ich nicht zeige, dass ich ein tüchtiger General bin, werde ich doch noch in Pension geschickt.“ Und er sagte zum Großpräsidenten: „Unsere Armee braucht mehr Schwerter, damit wir nicht wieder überfallen werden können. Verlangen Sie, bitte, höhere Steuern, damit wir von den Schmieden mehr Schwerter kaufen können.“
Und der Großpräsident machte das.
Und die Schmiede sagten sich: „Krieg wollen wir keinen mehr, aber wenn wir viele Schwerter verkaufen, können wir uns für unsere Kinder die teuren Schulen leisten. „
Und die Gesellen in den Schmieden sagten sich: „Krieg wollen wir keinen mehr, aber wenn wir sagen, wir wollen die Schwerter nicht machen, werfen uns unsere Chefs hinaus, und dann haben unsere Kinder nichts zu essen.“
Und der Marschall der Moffer sagte zu sich: „Ich will Frieden, aber wenn ich nicht zeige, dass ich ein tüchtiger Marschall bin, werde ich vielleicht doch gekündigt.“ Und er sagte zum Hochkönig der Moffer: „Ich habe gehört, dass die Gnuffs für ihre Armee Schwerter kaufen. Lassen Sie, bitte, die Steuern erhöhen, damit wir mehr Soldaten zur Armee holen können.“
Und der Hochkönig erhöhte die Steuern, und es wurden mehr Soldaten zur Armee geholt.
Und die Bauern der Moffer sagten zu sich: „Wir wollen Frieden, aber wenn wir der Armee keine Kartoffeln verkaufen, können wir die neuen Steuern nicht bezahlen.“
Und die Schneider sagten: „Wir wollen Frieden. Aber je mehr Soldaten, umso mehr Uniformen können wir verkaufen.“
Und die Speermacher sagten: „Wir wollen Frieden, aber je mehr Soldaten, umso mehr Speere können wir verkaufen.“
Da geschah es, dass bei den Gnuffs ein Erfinder ein Gift entdeckte, ein schrecklich starkes Gift. Es war aber für Gnuffs völlig unschädlich, nur für Moffer war es tödlich.
„Ich will niemandem etwas Böses tun“, sagte der Erfinder zu sich, „aber wenn ich meine Erfindungen für mich behalte, kann ich meine Rechnung bei der Milchfrau nicht bezahlen.“
Und er schrieb in einem Buch, wie man das Gift herstellen kann.
Da geschah es, dass bei den Moffern ein Professor entdeckte, wie man eine Bombe bauen kann, die alles über der Erde vernichten konnte, aber für die Moffer nicht gefährlich war, weil die Moffer in Höhlen lebten.
„Ich wünsche niemandem etwas Übles“, sagte der Professor zu sich, „aber ich muss meine Entdeckung bekannt machen, sonst glauben die Leute, dass ich von meiner Wissenschaft nichts verstehe.“
Und er schrieb in einem Buch, wie man die Bombe bauen kann.
Als der Marschall der Moffer davon hörte, sagte er zum Hochkönig: „Diese Bombe müssen wir wirklich bauen, denn ich habe gehört, dass die Gnuffs ein schreckliches Gift gegen uns haben!“
Und der General der Gnuffs sagte zum Großpräsidenten: „Dieses Gift müssen wir wirklich erzeugen lassen, denn ich habe gehört, dass die Moffer eine gefährliche Bombe gegen uns haben.“
Und so wurde das Gift gemischt...
...und die Bombe wurde gebaut.
Und die Gnuffs bauten eine riesige Giftspritze, die das Gift zu den Moffern spritzen konnte.
Und die Moffer bauten einen riesigen Ballon, der die Bombe zu den Gnuffs bringen konnte.
Da sagte der Großpräsident der Gnuffs bei einer Ansprache: „Jetzt kann es nie mehr Krieg geben, denn wir wollen den Frieden, und die Moffer werden sich niemals trauen, auf uns loszugehen, weil wir das schreckliche Gift haben.“
Und der Hochkönig der Moffer sagte bei einer Ansprache: „Jetzt muss es immer Frieden gehen, denn wir wollen keinen Krieg, und die Gnuffs werden es niemals wagen, uns anzugreifen, weil wir die fürchterliche Bombe haben.“
Eines Tages sagten die Schmiede der Gnuffs: „Wir haben nicht mehr genug Eisen für alle die Schwerter und Pflüge und Sensen und Wagen, die wir bauen könnten. Wir müssen zur Eiseninsel fahren, Eisen holen!“
Und die Schmiede der Moffer sagte ii: „Wir brauchen mehr Eisen für unsere Speere und Wagen und Pflüge und Sensen. Wir müssen Eisen holen von der Eiseninsel!“
Da schickten die Gnuffs ein Schiff zur Eiseninsel...
...und die Moffer schickten auch ein Schiff zur Eiseninsel.
Als die Schiffe zurückkamen, berichteten die Seeleute zu Hause, dass auch die anderen Eisen von der Eiseninsel geholt hatten.
„Die Moffer nehmen uns das Eisen weg!“ schrieb eine Zeitung der Gnuffs.
„Die Gnuffs wollen alles Eisen für sich!“ berichtete eine Zeitung der Moffer.
Das war vielleicht etwas übertrieben, aber jeder weiß, dass Zeitungen, die aufregende Sachen schreiben, sich besser verkaufen als solche, die schreiben, es ist eh alles nicht so schlimm und man sollte vielleicht erst einmal nachsehen, ob nicht sowieso genug Eisen für alle da sei. Und die Zeitungleute wollen schließlich Geld verdienen so wie andere Leute auch.
Da kriegten die Gnuffs wieder Angst vor den Moffern, und die Moffer kriegten Angst vor den Gnuffs.
„Wir müssen die Eiseninsel für uns haben“, sagten welche von den Gnuffs, „sonst kann es keinen Frieden geben.“
„Die Eiseninsel muss uns gehören“, sagten welche von den Moffern, „sonst gibt es wieder Krieg!“
„Wenn wir kein Eisen für Pflüge haben, haben wir nichts zu essen“, sagten welche von den Gnuffs, „und dann kann uns auch das schreckliche Gift nicht helfen!“
„Wenn wir kein Eisen haben, müssen wir hungern“, sagten welche von den Moffern, „und dann hilft uns auch die große Bombe nichts.“
Und die Gnuffs schickten ein Kriegsschiff zur Eiseninsel.
Und die Moffer schickten ein Kriegsschiff zur Eiseninsel.
Und als der Kampf unentschieden war...
...schickten die Gnuffs noch ein Kriegsschiff...
...und die Moffer schickten noch ein Kriegsschiff.
„Wir dürfen sie keine Kriegsschiffe bauen lassen!“ sagte der General der Gnuffs und griff mit seinen Truppen die Schiffswerft der Moffer an.
„Wir müssen verhindern, dass sie Schiffe bauen“, sagte der Marschall der Moffer und griff mit seinen Truppen die Schiffswerft der Gnuffs an.
„Sie haben uns überfallen!“ schrieen die Gnuffs.
„Sie haben uns angegriffen!“ schrieen die Moffer.
„Wir wollten den Frieden“, sagte der General der Gnuffs, „aber jetzt hilft nichts mehr. Wir müssen das Gift auf sie spritzen, bevor sie die Bombe auf uns werfen! „
„Wir haben den Krieg nicht gewollt!“ sagte der Marschall der Moffer, „aber jetzt ist es zu spät. Wir müssen die Bombe auf sie werfen, bevor sie das Gift auf uns spritzen!“
Und die Giftspritze wurde gefüllt, und der große Ballon wurde gestartet.
„Jetzt ist es aus mit ihnen!“ sagten die Gnuffs.
„Jetzt ist es aus mit ihnen!“ sagten die Moffer.
„Und mit uns auch!“ sagten die Gnuffs, als sie den Ballon sich langsam erheben sahen.
„Und mit uns auch!“ sagten die Moffer, als sie die Spritze am Horizont auftauchen sahen.
„Ich hätte vielleicht doch das Gift nicht erfinden sollen!“ sagte der Erfinder.
„Ich hätte vielleicht doch die Bombe nicht erfinden sollen!“ sagte der Professor.
„Wir hätten vielleicht doch keine Schwerter machen sollen!“ sagten die Schmiede.
„Wir hätten vielleicht doch keine Speere machen sollen!“ sagten die Speermacher.
„Wir hätten vielleicht doch keine Uniformen schneidern sollen!“ sagten die Schneider.
„Wir hätten vielleicht doch keine Kartoffeln liefern sollen“, sagten die Bauern.
„Wir hätten vielleicht doch nicht so übertreiben sollen“, sagten die Zeitungsschreiber.
„Wir hätten uns vielleicht doch mehr an die Wahrheit halten sollen“, sagten die Zeitschriftenredakteure.
„Wir hätten vielleicht doch keine Soldaten werden sollen“, sagten die Soldaten.
„Wir hätten vielleicht doch unseren General in Pension schicken sollen!“ sagten die Gnuffs.
„Wir hätten vielleicht doch unseren Marschall kündigen sollen!“ sagten die Moffer.
Und hier wäre die Geschichte fast schon zu Ende gewesen.
Doch da sagte ein Gnuff zu seinen Freunden: „Uns können wir nicht mehr retten. Aber die Moffer - sie waren auch nicht blöder und gemeiner als wir.“ Und sie kletterten auf die Giftspritze und warfen sie um, in dem Moment, bevor sie losging.
Und ein paar Moffer sagten zueinander: „Jetzt gehen wir drauf wegen unserer Blödheit. Aber die Gnuffs sollen wenigstens wissen, dass es auch ein paar anständige Moffer gegeben hat.“ Und sie hängten sich an die Seile und kletterten auf den Ballon und ließen die Bombe explodieren, bevor sie über den Gnuffs war.
„Moffer haben uns gerettet!“ sagten erstaunt die Gnuffs, als sie merkten, dass die Bombe sie verschonte.
„Gnuffs haben sich für uns geopfert!“ flüsterten ganz baff die Moffer, als sie merkten, dass das Gift sie nicht traf.
Und dann ließen alle die Schwerter und Speere aus den Händen fallen, setzten sich auf den Boden und stöhnten: „Das ist ja gerade noch einmal gutgegangen.“ Und viele fingen vor Erleichterung zu weinen an.Dann schickten sie den General und den Marschall in Pension, auch den Großpräsidenten und den Hochkönig und sagten: „Diesmal müssen wir aber schlauer sein!“
Ein Mann hatte einen Sklaven. Der musste für ihn alle Arbeiten tun. Der Sklave wusch den Mann, kämmte ihn, schnitt ihm das Essen klein und steckte es ihm in den Mund. Der Sklave schrieb dem Mann seine Briefe, putzte ihm die Schuhe, flickte ihm die Socken, hackte ihm das Holz und heizte ihm den Ofen ein. Wenn der Mann beim Spazierengehen Himbeeren sah, musste der Sklave sie pflücken und ihm in den Mund stecken Damit der Sklave nicht davonlief, hielt der Mann ihn immer an einer Kette fest. Tag und Nacht musste er ihn festhalten und mit sich herumschleppen, sonst wäre der Sklave davongelaufen. In der anderen Hand hielt der Mann immer eine Peitsche. Denn wenn der Sklave an der Kette zog und zerrte, dann musste der Mann ihn auspeitschen. Wenn ihm dann die Arme schmerzten und er ganz erschöpft vom Auspeitschen war, fluchte er auf den Sklaven und auf die Kette und überhaupt auf alles.
Manchmal träumte er heimlich von den Zeiten, als er noch jung gewesen war und noch keinen Sklaven gehabt hatte. Damals konnte er noch frei durch die Wälder schweifen und Himbeeren pflücken ohne dieses ständige Zerren an der Kette. Jetzt konnte er nicht einmal allein aufs Klo gehen. Erstens, weil der Sklave sonst weggerannt wäre, und zweitens, wer hätte ihm sonst den Hintern abgewischt? Er selbst hatte ja gar keine Hand dazu frei.
Einmal, als er so fluchte, sagte einer zu ihm: ,,Na gut, wenn es so schrecklich ist, warum lässt du den Sklaven dann nicht frei?“
,,Ja“, sagte der Mann, ,,damit er mich umbringt!“ Aber heimlich träumte der Mann von der Freiheit.
Und der Sklave, träumte der auch von der Freiheit? Nein, an die Freiheit glaubte der schon längst nicht mehr. Er träumte nur noch davon, selber der Herr zu sein und den Mann an der Kette zu führen und auszupeitschen und sich von ihm den Hintern abwischen zu lassen. Davon träumte er!
Der Mullah Nasreddin Hodscha kam auf seinen Reisen auch in ein Dorf, das dafür bekannt war, dass seine Einwohner besonders gut im Rechnen waren. Nasreddin fand Quartier bei einem Bauern. Am nächsten Morgen stellte Nasreddin fest, dass in dem Dorf kein Brunnen war. Am Morgen wurden in jedem Haus ein oder zwei Esel mit Wasserkrügen bepackt, und dann zog man los zu einem eine Stunde entfernten Bach, füllte die Krüge und brachte sie wieder zurück, was noch einmal eine Stunde dauerte.
„Wäre es nicht besser, wenn man das Wasser im Dorf hätte?“ fragte der Hodscha den Bauern, bei dem er wohnte.
„Oh, viel besser“, sagte der Bauer. „Das Wasser kostet mich jeden Tag zwei Arbeitsstunden mit einem Esel und einem Junge, der den Esel treibt. Das macht im Jahr 1460 Stunden, wenn man einen Esel mit einem Jungen gleichsetzt. Wenn der Esel und der Junge in dieser Zeit auf den Feldern arbeiten würden, könnte ich zum Beispiel ein ganzes Kürbisfeld mehr bestellen und jedes Jahr 457 Kürbisse zusätzlich ernten.“
„Ich sehe, du hast alles gut ausgerechnet“, sagte bewundernd der Hodscha. „Warum also nicht einen Graben anlegen, um das Wasser bis ins Dorf zu leiten?“
„Das ist nicht so einfach“, sagte der Bauer. „Es ist ein Hügel dazwischen, den man abtragen müsste. Wenn ich meinen Jungen und den Esel, statt sie um Wasser zu schicken, einen Graben anlegen ließe, würden sie, wenn sie täglich 2 Stunden arbeiten, 500 Jahre brauchen. Ich lebe aber vielleicht nur noch 30 Jahre, also ist es für mich billiger, ich lasse sie Wasser holen.“
„Ja, aber müsstest du denn alleine für den Kanal aufkommen? Ihr seid doch mehr Familien in eurem Dorf?“
„Oh ja“, sagte der Bauer, „wir sind genau 100 Familien. Wenn jede Familie täglich für zwei Stunden einen Jungen und einen Esel schicken würde, dann wäre der Kanal in fünf Jahren fertig. Und wenn sie täglich 10 Stunden arbeiten würden, dann in einem Jahr.“
„Warum sprichst du dann nicht mit deinen Nachbarn und schlägst ihnen vor, gemeinsam einen Kanal zu graben?“
„Nun, wenn ich mit einem Nachbarn eine wichtige Sache zu besprechen habe, so lade ich ihn in mein Haus ein, bewirte ihn mit Tee und Halva, spreche mit ihm über das Wetter und die Aussichten für die kommende Ernte, dann über seine Familie, über die Söhne, Töchter, und Enkel. Dann lasse ich ihm ein Essen servieren, nach dem Essen wieder Tee, dann fragt er mich nach meinem Hof und nach meiner Familie, und dann kommen wir schön langsam zur Sache. Das dauert einen ganzen Tag. Da wir in unserem Dorf 100 Familien sind, müsste ich mit 99 Familienoberhäuptern sprechen. Du wirst zugeben, dass ich nicht 99 Tage hintereinander mit solchen Gesprächen zubringen kann, da würde mein Hof zugrunde gehen. Ich könnte höchstens einmal in der Woche einen Nachbarn zu mir einladen. Das heißt, da das Jahr nur 52 Wochen hat, würde es fast zwei Jahre dauern, bis ich mit allen Nachbarn gesprochen habe. Wie ich meine Nachbarn kenne, würde schließlich jeder zustimmen, dass es besser wäre, das Wasser im Dorf zu haben, denn sie können alle gut rechnen. Und wie ich sie kenne, würde jeder von ihnen versprechen, mitzumachen, wenn auch die anderen mitmachen. Also müsste ich nach zwei Jahren wieder von vorne beginnen, alle meine Nachbarn einzuladen, und ihnen sagen, dass auch die anderen bereit wären, mitzumachen.“