Excerpt for Das Weihnachtsbuch by Palmbyte EBook-Verlag, available in its entirety at Smashwords

Das Weihnachtsbuch


Palmbyte EBook-Verlag


Smashwords Edition


Copyright 2008 Palmbyte EBook-Verlag


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Eine kleine Sammlung schöner alter Gedichte und Erzählungen zum Christfest. Die alten Ausdrücke und Schreibweisen wurden im Original übernommen. Zusammengestellt von Peter Doll zu Weihnachten 2008.


Ebenso als Smashwords Edition erhältlich:

„Paulas Welt“ von Solveig Bräunig

„Das Zweite Leben“ von Manfred Leimer



1

Alois Klug

Aus „Rübezahls Bergwelt“

Weihnachten im Gebirge


Langsam kommen die Weihnachten heran. Wir haben in der Schule schon allerhand für die Feiertage gebastelt, Zapfen vergoldet, Ketten für den Christbaum geflochten, Laubsägearbeiten für die Eltern hergestellt, während die Mädchen warme Socken oder Strümpfe für sie strickten. Zur Adventfeier hängt ein Tannenkranz mit vier Kerzen an der Decke des Schulraumes. Die Adventlieder singen wir jede Gesangstunde. Leider können wir nicht ins Tal zur Rorate gehen.


Und so ist der letzte Tag vor den Feiertagen gekommen. Wir wollen eine kleine Feier veranstalten....


Es war recht winterlich und weihnachtlich bei uns geworden. Ein dämmeriger Nachmittag guckte verschlafen durch die angelaufenen Fensterscheiben ins Klassenzimmer. Draußen schmiegte sich die Schneemauer bis fast in Fensterhöhe an die Holzwand des Hauses. Wolkenballen hingen knapp über den Bergkuppen, und weiche Schneeflocken tänzelten wie Flaumfedern über verschneite Wälder. Kaum das Nachbarhaus war zu sehen, so düster wurde es, und doch waren alle Herzen auf Freude gestimmt.


Die vier Kerzen des Adventkranzes erhellten den Raum nur spärlich, und gerade dieses geheimnisvolle Leuchten erhöhte die frohe Erwartung.


Durch den tiefen Schnee war der Pfarrer heraufgekommen, die letzte Schulstunde vor Weihnachten mit uns zu feiern. Er saß beim warmen Ofen und achtete auf die Glut darin.


Die Kinder standen auf, und wir sangen mit viel Liebe:


Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind

Auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.

Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,

geht auf allen Wegen mit uns ein und aus.

Ist auch mit zur Seite, still und unbekannt,

daß es treu mich leite an der lieben Hand ...



Die Haustür geht auf, ein Etwas poltert im Vorhaus, ein energisches Pochen an der Tür und herein tritt Knecht Ruprecht – über und über beschneit.


Vor der ersten Bank bleibt er stehen, blickt mit strengem Aug über die Jugend und beginnt:


Von drauß, vom Walde komm ich her;

ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!

Allüberall auf den Tannenspitzen

sah ich goldene Lichtlein sitzen;

Und droben aus dem Himmelstor

sah mit großen Augen das Christkind hervor,

und wie ich so strolcht‘ durch den finstern Tann,

da rief‘s mich mit heller Stimme an:

»Knecht Ruprecht«, rief es, »alter Gesell‘,

hebe die Beine und spute dich schnell!

Die Kerzen fangen zu brennen an,

das Himmelstor ist aufgetan,

Alt‘ und Junge sollen nun

von der Jagd des Lebens einmal ruhn;

und morgen flieg‘ ich hinab zur Erden,

denn es soll wieder Weihnachten werden!«


Die Ofenwärme hat den frischen Schnee an Knecht Ruprechts Kleidern zergehen lassen. Wassertropfen kugeln von der hohen Mütze und dem Pelz auf die Dielen. Christkindleins Bote achtet dessen nicht:


»Meine lieben Kinder: In jener Zeit geschah es, daß Kaiser Augustus einen Befehl ergehen ließ, in allen seinen Ländern öffentliche Verzeichnisse zu machen. Jeder ging also an seinen Stammort, um sich aufzeichnen zu lassen. So reiste auch Josef aus der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa zur Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Haus und der Familie Davids war, um sich mit Maria, seinem Weibe, aufschreiben zu lassen.....


Dort gebar sie ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; weil für sie kein Platz in der Herberge übrig war.


In derselben Gegend waren Hirten auf dem Felde, die bei ihrer Herde Nachtwache hielten. Und siehe! Diesen erschien ein Engel des Herrn; ein göttlicher Lichtglanz umleuchtete sie, und sie fürchteten sich sehr. Da sprach der Engel zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Denn siehe! Ich verkündige euch eine große Freude, die dem ganzen Volke zuteil werden wird. Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Und dieses sei euch das Kennzeichen: ihr werdet ein Kind in Windeln gewickelt und in der Krippe liegend finden .......


Und sogleich war bei dem Engel eine Schar himmlischer Mächte, welche Gott lobten und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind .....


Dann erzählte Knecht Ruprecht den Kindern so anschaulich und liebenswürdig von Bethlehem, daß die Kinder wie gebannt an seinen Lippen hingen. Auch der Pfarrer und ich lauschten den wunderschönen Worten.


»Könnt ihr was aufsagen?«


Ich winke der Krausbarbara.


Mit einigem Zögern kommt sie heraus, macht einen kleinen Knicks und beginnt sicher: Des fremden Kindes heiliger Christ ... von Friedrich Rückert.


Es läuft ein fremdes Kind

am Abend vor Weihnachten

durch eine Stadt geschwind,

die Lichter zu betrachten,

die angezündet sind.

Es steht vor jedem Haus

und sieht die hellen Räume:

da drinnen schaun heraus,

die lampenvollen Bäume,

weh wird’s ihm überaus.

Das Kindlein weint und spricht:

ein jedes Kind hat heute

ein Bäumchen und ein Licht

und hat dran seine Freude,

nur bloß ich armes nicht....


Das Kind denkt daran, wie es daheim auch einen Baum gehabt und sich mit den Geschwistern daran erfreut hat. Hier ist es vergessen, niemand kümmert sich um das Kind, niemand läßt es ein, niemand winkt es heran, sich mit anderen Kindern zu freuen, und doch will es nichts, als sich stumm und glücklich freuen.


O lieber, heil’ger Christ!

Nicht Mutter und nicht Vater

hab‘ ich, wenn du’s nicht bist.

O sei du mein Berater,

weil man mich hier vergißt!«


Der Frost greift an das junge Leben. Noch reibt das Kind die Händlein, zieht die Kleider enger an den Körper und schaut hinaus ins Land, hinein in den dunklen heiligen Abend.


Da kommt mit einem Licht,

durchs Gäßlein hergewallet,

in weißem Kleide schlicht

ein ander Kind; - wie schallet

es lieblich, da es spricht:

»Ich bin der heil’ge Christ,

war auch ein Kind vordessen,

wie du ein Kindlein bist.

Ich will dich nicht vergessen,

wenn alles dich vergißt .....


Christkindlein verspricht dem verlassenen Kindlein einen Baum viel schöner als all‘ die Bäume, die in den Häusern sind.


Es deutet auf zum Himmel, wo ein mächtiger Baum mit tausend und wieder tausend Kerzen strahlt. Das Herz wird stumm vor soviel Schönheit, Engel steigen hernieder und nehmen das Kind bei der Hand und schweben mit ihm dem Baum zu ... dem Baum zu......


Das fremde Kindlein ist

zur Heimat nun gekehret

bei seinem heil’gen Christ;

und was hier wird bescheret,

es dorten leicht vergißt....


Einige Kinder schluchzen laut, auch Knecht Ruprecht schien tief ergriffen. Streichelnd fuhr seine Hand über den rotblonden Mädchenkopf.


»Brav, Kind! Ein Bub, nicht auch?«

Erlebachvinz trat unaufgefordert vor:


Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her ... von Martin Luther.

Knecht Ruprecht warf dem Pfarrer einen fragenden Blick zu, Hochwürden nickte....


Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her,

ich bring euch gute neue Mär,

der guten Mär bring ich soviel,

davon ich singen und sagen will.


Euch ist ein Kindlein heut geboren,

von einer Jungfrau auserkoren,

ein Kindelein so zart und fein,

das soll eu’r Freud und Wonne sein ....


»Gut, Vinz, recht gut. Nun singt mir das Lied von dem Blümlein im kalten Winter.«


Die Kinder standen auf, ich spielte eine kurze weihnachtliche Einleitung, dann sangen wir alle:


Es ist ein‘ Ros‘ entsprungen, aus einer Wurzel zart,

wie uns die Alten sungen, aus Jesse kam die Art,

Und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter,

wohl zu der halben Nacht.


Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß,

mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis;

wahrer Mensch und wahrer Gott hilft uns aus allem Leide,

rettet uns aus Sünd‘ und Tod.


»Schön, liebe Kinder. Zum Schluß noch ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘, das deutsche Weihnachtslied.«


Als wir Knecht Ruprecht auch diesen Wunsch erfüllt hatten, fragte er, ob alle Schüler da wären. Ich entgegnete: »Alle bis auf den Hegerfranz«


»Den werde ich besuchen.«


Knecht Ruprecht winkte dem Pfarrer und mir, ihn hinauszubegleiten. Wir folgten. Draußen stand ein Hörnerschlitten mit den Gaben. Gemeinsam trugen wir die Geschenke ins Schulzimmer.


Alle Kinder erhielten etwas, Kleider, Wäsche oder Schuhe und dazu ein wenig Süßigkeit.


Ein ungeheurer Jubel erfüllte die Klasse, so etwas hatte das Gebirge noch nie erlebt.


Viele Kinder kamen aus den Bänken und küßten Knecht Ruprechts Hände – ich sah, wie ihm ein Tränlein in den Bart rann. Andere dagegen trauten sich nicht oder konnten ihrem dankbaren Herzen nicht Ausdruck geben. Nur die Augen leuchteten.


Auch für den Pfarrer und mich war ein Geschenk gekommen. Hochwürden erhielt ein Bild seiner geliebten Heimatkirche und ich Paul Kellers Waldwinter mit einer Widmung.


Glücklichen Herzens drückte ich Knecht Ruprecht die Hand.


Die Kerzen am Adventskranz waren fast herabgebrannt, das Feuer im Ofen erloschen, nur rote Glut leuchtete aus den Löchern der Ofentür, draußen schneite es leicht, im Westen schimmerte ein schaler Silberstreif am Abendhimmel.


»In Gottes Namen, liebe Kinder!«

»In Gottes Namen und ‚Vergelt’s Gott‘,« antworteten die Kinder.


Knecht Ruprecht ging. Bei Gott, ich habe noch keinen so echten gesehen, wie diesen. Ich weiß auch, wohin er mit seinem Schlitten zieht, zum kranken Franzl.


Und so war es.


Als die Kinder mit ihrem Glück gegangen waren, verließen auch wir, der Pfarrer und ich, die Schule, den kranken Franzl zu besuchen.


Mit Tränen in den Augen berichtete die Mutter, daß das Fieber gewichen sei und der Bub lang und gut geschlafen habe.


Sie fand nicht Worte genug, den Michl zu loben. Nicht gewichen ist er, solange Gefahr war. Gewacht hat er, damit die Mutter ruhen konnte. Umschläge hat er gemacht und Tee gekocht und dem kranken Kind, wenn es danach Verlangen trug, Märchen erzählt.


Franzl lag noch im Bett. Seine Augen strahlten, ich ahnte, Knecht Ruprecht war da gewesen.


24. Dezember – ein herrlicher Wintertag, eine prächtige Fernsicht, ein klarer Himmel. Am Waldesrand unten werden Rehe und Hirsche gefüttert. Wie zahm die Tiere sind, wenn der Heger mit dem Futter kommt! Unbeweglich, wie aus Marmor geformt stehen die beschneiten Waldbäume. Die niederen Baudenhäuser gucken kaum aus der Schneedecke, alles ist wie erstarrt, nur Rauchwölkchen aus den Kaminen zeigen Leben an. Das Feuer darf heute nicht ausgehen. Die Wintermarkierung zieht in gerader Richtung über die Wiese. In langer Reihe stehen die beeisten Stangen..........



Zu deutschen Weihnachten gehört Wald, tief verschneiter Wald, gehört das Knirschen der Schneekristalle unter jedem Tritt, gehört sonnige Kälte, gehören am Abend alle Sterne auf das Himmelszelt, gehört ein Leuchten am Himmel, ein Glitzern auf Bäumen und Sträuchern, ein Glitzern der Berge, Wälder, Felder und Täler, gehören lange Eiszapfen auf Dächer und Baumäste, gehört das leise Murmeln des Bächleins unter der Eisdecke, gehören leuchtende Augen und jubelnde Herzen und weithin klingende Christkindglocken........


Heute ist den Menschen der Heiland geboren worden, heute ist aber auch der tiefste Stand der Sonne, jetzt wird sie wieder steigen, der Frühling wird kommen, neues Leben wird erblühen, die Erde wird wieder jung....


Deutsche Weihnacht – von Urvätern schon gefeiert, von Christkindleins Glanz neu gekleidet, glückliche Verbindung altdeutscher Feier mit christlichem Geist ....


Von meiner Braut Hederl kommt ein Buch – Der große Schwabenzug – von Adam Müller-Gutenbrunn: wie freue ich mich, lese ich doch die Werke dieses Dichters b esonders gern; die Besiedlung des Banats, der Kampf der Deutschen um die Erhaltung ihres Volkstums.


Im Buch liegt ein Brieflein, daneben ein Paar Handschuhe und dann viel Gebäck, knusperiges Weihnachtsgebäck .... auch das gehört zu Weihnachten.....


Der Heger bringt ein Fichtenbäumchen. Nachbars Mina kommt, es zu schmücken. Ich gehe indessen zum Michl, ich ein Christkind zu bringen.


Michls Stube ist so weihnachtlich .. so lieb ... so traut .... Auf dem Tisch steht ein Fichtenbäumchen. Silberfäden fallen von Ast zu Ast und Kerzen stecken wohlverteilt auf den Zweigen. Sonst ist kein Schmuck drauf.


»Die schönsten Christbäume stehen im Wald.«


Michl hat recht. Die Waldbäume mit den langen Schneenadeln, den weichen Schneebetten und den in der Sonne glitzernden Eiszapfen sind wahre Wunderwerke.


An einer Wand hängt an starken Drähten der Krippenkasten. Michl baut die Stadt Bethlehem, stellt Schäflein auf die Felsenweide und gruppiert künstlerisch geschnitzte Gestalten stimmungsvoll um den Stall. Von der Krippendecke schwebt der Freude und Friede verkündende Gloriaengel. ............



2

Felix Dahn

Weihnachtlied.


Nun ist die liebe Weihnachtzeit

Mit ihren Wundern kommen:

Durch alles deutsche Land ist weit

Ein heller Glanz erglommen:

Das ist der Glanz vom Weihnachtbaum,

Im Schnee ein Sommersonnen-Traum,

Der Kindheit sel'ger Wonnen-Traum: –

Nie sei er uns genommen! –


Die Kindheit flieht, die Jugend flieht:

Der Weihnacht-Traum soll dauern.

Wie süß er Mannesbrust durchzieht

Mit tannenduft'gen Schauern!

Es schmückt den Baum in fernem Land

Des Kriegers waffenmüde Hand:

Wie hat er doch so hell gebrannt,

Paris, vor deinen Mauern!


Denn was die Weihnacht wahrhaft weiht,

Ihr Mädchen und ihr Knaben,

Ist nicht die bunte Herrlichkeit

Der hochgehäuften Gaben:

Das ist die Reinheit, kindlich-wahr,

Der Gier, des Neids, der Lüge bar,

Die sich an Lichtglanz, still und klar,

Als höchstem Glück kann laben.


Solch reiner Sinn – er bleib' uns treu

Auf allen Lebensbahnen:

Dann wird uns rühren immer neu

Der Weihnacht heh'res Ahnen:

Dann wird der Glanz vom Weihnachtbaum

Nicht nur ein flücht'ger Wonnentraum,

Im Alters-Schnee ein Sonnentraum

Uns sel'ger Jugend mahnen.



3

Richard Dehmel

Weihnacht im Krankenhaus


Schönen guten Abend, ihr im Leidensgewand;

neue frohe Botschaft hört aus Gnadenland!

Wir haben lang gesucht nach einem heilsamen Sterne,

bis er sich finden ließ in seiner nächtlichen Ferne.

Da haben wir ihm gewunken,

da ist er uns ans Herz gesunken.

Dann haben wir ihn festlich mit Liebe umwunden

und auf ein immergrünes Bäumlein gebunden.

Nun seht ihn! hier glänzt er, samt anderen Schätzen;

an denen mögt ihr euch später ergetzen.

Erst sollt ihr Mut schöpfen aus seinem Schimmer;

denn die Nacht ist lang, und dies Haus glänzt nicht immer.

Hier kämpft oft das Todesgrauen schwer

mit der Lebensröte um die Wiederkehr.

Hier suchen oft Seelen nach gnädigen Sternen

und finden nichts als lichtleere Fernen.

Hier strahlt jetzt, o Wunder, ein heiliger Baum

mitten im eisigen Weltenraum

und spiegelt sich

und euch und mich

im warm aufquellenden Tränentau

einer genesenden, lächelnden, liebenden Frau.

Die Mutter des Heils ist überall zugegen,

wo Menschen eine Hoffnung hegen.



4

Otto Ernst

Das Wintersonnenmärchen.


...Gestern in der Dämmerung vernahm ich hinter den winterlichen Nebelhüllen ein Licht und ein Klingen. Es war wie ein blinzelnder Stern, ein verirrter Klang . . .


Denn nun beginnt ja schon die große, heilige Dichtung, die die Leute »Weihnachten« nennen.


So schöne Dichtungen giebt es nur noch wenige. Eine heißt: »Entschwundene Kindheit«; eine andere: »Der nächste Frühling«. Weiß jemand noch eine?


Es ist ganz unbestimmt, wie lang die schöne Dichtung ist, die »Weihnachten« heißt. Es ist schon eine hübsche Zeit her, daß ich in erster Frühe aus dem Schlafe geweckt wurde durch ein eifriges und andauerndes Geplapper. Das Geplapper kam aus der Schlafstube der Kinder. Es war noch ganz dunkel. Ich horchte.


»Sechsundsechzigmal.«


»Nein, siebenundsechzigmal! Sieh mal: heut ist der achtzehnte, nicht? Bleiben also noch dreizehn Tage.«


»Zwölf!«


»Ach Junge. Oktober hat doch einunddreißig!«


»Na ja: dreizehn.«


»Und November hat dreißig, macht dreiundvierzig, und dann noch vierundzwanzig vom Dezember, macht siebenundsechzig. Noch siebenundsechzigmal schlafen, dann ist Weihnachten.«


»Hm . . . .«


So früh schon vernehmen die Kinder aus dem Winterdunkel das ferne Schimmern und Singen . . .


Und dann ziehen sie jeden Morgen eins ab: jetzt noch sechsundsechzigmal schlafen.. Jetzt noch fünfundsechzigmal . . .


Ganz so früh fängt für mich das Weihnachtslied nicht an. Aber doch schon früh. Der erste hergewehte Hauch eines nahenden Gesanges ist so schön in seiner geheimen Ahnungsfülle!


Man entfesselt bei Tische oder in der Dämmerung oder nachmittags, wenn man sich zu kurzer Ruhe aufs Faulbett gestreckt hat, ein Weihnachtsgespräch unter den Kindern. Mein Neunjähriger erzählt aus der Schule. Der Lehrer hat gesagt: »Wenn ihr nicht fleißig seid, kriegt ihr nichts vom Weihnachtsmann.« Da haben die Jungen gelacht und gerufen: »Es gibt ja gar keinen Weihnachtsmann!« Da hat der Lehrer gesagt: »Soo? – Wer glaubt, daß es einen Weihnachtsmann gibt?« Da hat ein einziger Junge den Finger gezeigt: meiner. Und da haben die anderen ihn ausgelacht.


Diese Schande! Gerade mein Sohn, der Sohn eines Menschen, der mit hartnäckiger Bosheit für »unbeschränkte Aufklärung« eintritt – gerade der muß der einzige Gläubige sein in einer christlichen Schulklasse! Komm, Junge, ich muß dir die frommen Augen küssen; ich habe dich grenzenlos lieb in deiner einsamen Schande!


So lange ihr lebt, Kinder, soll es in eurer Seele blühen, und aus jedem verwelkten Glauben soll euch ein neuer keimen! Das ist mein Segen. Nur wenn man euch zwingen will zum Glauben, durch Kerkerstrafen oder Höllenpein, dann sollt ihr lachen, lachen aus voller Brust und beide Fäuste schütteln, zum Zeichen, daß ihr nötigenfalls bereit seid, sie zu brauchen! Auch ihr Mädels! Daß ihr mir nicht feige duckt, wenn euch einer sagt: »Ihr müßt an den Weihnachtsmann glauben, sonst leuchtet euch kein Tannenbaum!«


Wir haben immer unsere stille Freude an einem Experiment, meine Frau und ich. So um den September und Oktober herum sind die älteren unter den Kindern noch fest überzeugt, daß der Weihnachtsmann nirgends anders existiere als im Portemonnaie des liebenswürdigen Vaters. Natürlich genießen sie volle Glaubensfreiheit. Nur gelegentlich fällt ein Wort, daß man den Knecht Ruprecht auf der Straße getroffen, sich längere Zeit mit ihm über die diesjährige Tannen- und Puppenernte unterhalten habe, daß gestern abend sein rauhhaariger Kopf hinter den Eisblumen des Fensters auftaucht sei . . . Im November etwa werden die rationalistischen Überzeugungen schwankend; die Nachrichten vom Weihnachtsmann werden mit einem merkwürdigen Schweigen aufgenommen. Wenn man ganz heimlich um den Lampenschirm herumschaut, dann sieht man große, stille Augen mit nachdenklichem Blick in die Ferne gerichtet. In einem Augenblick der Stille hört man ein tiefes Atmen. Im Dezember erfolgt dann die Kapitulation. Man nimmt den Glauben an den allein selig machenden Weihnachtsmann an und entsagt dem heidnischen Glauben an das Portemonnaie. Wer jetzt noch Zweifel äußert, wird von den anderen schon entrüstet zurechtgewiesen. Tout comme chez nous. Wenn dann der heilige Abend da ist und man hinter der Thür mit gräßlich verstellter Stimme fragt: »Seid ihr denn auch artig gewesen?« – dann kann es allerdings geschehen, daß gerade das Jüngste mit pietätloser Unschuld antwortet: »Ja Papa!« Den anderen sagt ein sicherer Instinkt, daß zu viel Gehör in diesem Augenblick inopportun wäre, daß ein stillschweigendes sacrifizio dell' intelletto genau so aussieht wie Frömmigkeit u. s. w. Nachher freilich, wenn sie ihre Geschenke weg haben und der dunkle Tannenbaum seine goldenen Augen aufgeschlagen hat, dann schreien sie: »Ätsch, ich hab wohl gehört, daß du es warst, Papa, du hast so ganz tief gesprochen: Wuwuwuwu . . .« Dann sind sie frech, dann ist die ganze Bande wieder ungläubig.


Die Kleinen erinnern einen halt so oft an die Großen.


Wozu sollte man ihnen auch durchaus den Weihnachtsmann aufnötigen; es giebt ja so viel andere schöne Götter!


Bis ins heiratsfähige Alter erhält man ihnen den Glauben an den Weihnachtsmann doch nicht! Dann haben sie längst eine Menge anderer Glauben gehabt. Und später, wenn sie längst eingesehen haben, daß nur Liebe der Eltern es war, was ihnen einst die strahlenden Stunden der Weihnacht bescherte, dann werden sie finden, daß Liebe in dieser greuelvollen Welt viel wunderbarer, seltsamer und heiliger ist als ein Weihnachtsmann. O, wohl vermag er zu wachsen mit zunehmendem Alter, der Glaube au die Wunderkräfte der Welt! Die Wunder, welche der naive Sinn schaut, sind ja nur Nürnberger Tand gegen die Wunder, welche die weltbewanderte Seele ahnt!


Wie gesagt, man entfesselt ein Weihnachtsgespräch unter den Kleinen. Das ist nicht schwer. »Was wünschst du dir?« frag ich die Kleinste.


»Ich wünsch mir 'ne Puppe, die schlafen un schreien un trinken kann – aber richtig trinken! – un denn 'ne kleine Babyflasche mit 'm klein niedlichen Lutscher auf, un 'ne ganz, ganz kleine, süße Klingelbüchse. Ist das ungeschämt?«


»Nein, das ist nicht unverschämt. Was schenkst du mir denn?«


»Ja, was wünschst du dir?«


»Ja, wie viel Geld hast du denn in deinem Spartopf?«


»Mama, wie viel hab ich?«


»Fünfundachtzig Pfennige.«


»Fünf'nachßig Fennige.«


»Na, dann wünsch ich mir ein großes, schönes Haus mit einem großen, schönen Garten.«


»Mm. Und was noch mehr?«


»Und dann einen schönen Wagen mit zwei wunderschönen Pferden davor.«


»O ja!! Un was noch?«


»Und ein großes Bauerngut mit lebendigen Pferden und Kühen und Schweinen und Ferkeln – aber richtige Ferkel, mein' ich, nicht solche, wie ihr seid!«


»Nein! Un was denn noch?«


»Ja – wenn du mir dann noch einen Original-Böcklin schenken willst –«


» Was?«


»Na laß nur, dazu reicht's doch nicht.«


Dem Jungen brennt so ein Haupt- und Herzenswunsch auf der Seele, das sieht man. In seinen Augen glüht ein traumfernes Entzücken.


»Was möchtest du denn haben?«


»Vater – sag erst 'mal, ob das Buch von Robinson teuer ist.«


»Furchtbar teuer.«


Sein Kopf sinkt auf die Brust.


»Aber es geht vielleicht – 'mal sehen.«


Da entbrennen seine Augen.


»Vater – ich will auch gar nichts anderes haben, wenn ich nur das Buch von Robinson kriege!«


Solch ein Verlangen stillen: das nenn ich eine Weihnachtsfreude!


Es ist merkwürdig, daß sie die finanzielle Seite der Frage erwägen, obgleich sie doch an den Knecht Ruprecht glauben. Aber man betet ja auch vertrauensvoll zum heiligen Florian und versichert sich dann gegen Feuerschaden.


Und merkwürdig ist es auch, daß sie sich gar nichts »Praktisches« und »Nützliches« wünschen, wie wollene Unterjacken und dergleichen. Mein Nachbar, ein gewisser Herr Schraffelhuber, hat einen Jungen von acht und einen von sechs Jahren. »Ich schenke meinen Jungen grundsätzlich nur nützliche Sachen zu Weihnachten,« sagte er zu mir, »wie Stiefel, Strümpfe, Mützen, Schulränzel und dergleichen. All der andere Tand und Spielkram verleitet sie nur zur Thorheit, Faulheit und Unaufmerksamkeit und bringt sie dahin, den Wert des Geldes gering zu achten. Die Großmutter schenkt ihnen ein Stück Spielzeug, und das genügt. In ein paar Tagen ist es doch wieder kaput.«


»Herr Schraffelhuber,« sagte ich darauf, »Herr Schraffelhuber, wissen Sie, was ich Ihnen gönne, Herr Schraffelhuber? Ich gönne Ihnen, wenn Sie mal in den Himmel kommen, daß der Herrgott Ihnen einen großen und dauerhaften Regenschirm schenkt und sagt: ‘Hier, mein lieber Schraffelhuber, hast du einen großen und dauerhaften Regenschirm als Krone des Lebens. Dein Platz ist nämlich draußen in meiner dicksten Regenwolke. Da wirst du diesen praktischen, nützlichen und zweckmäßigen Regenschirm zu schätzen wissen. Ich wünsch dir eine nutzbringende ewige Seligkeit, mein lieber Schraffelhuber!’ – Das, Herr Schraffelhuber,« (sagte ich!) »das gönne ich Ihnen.«


Seitdem haßt er mich; aber wenn solche Leute mich hassen, das wärmt mich so recht innerlich, als wär's der herrlichste Weihnachtspunsch.


An solchen Festen soll ja der Beschenkte kosten »von dem goldnen Überfluß der Welt«, und man soll ihm spenden, was ihm unter gewöhnlichen Umständen nicht erreichbar wäre! Wenn der arme Teufel barfuß läuft, so schenkt ihm Stiefel und Strümpfe. Wenn er aber des Leibes Notdurft hat, so schenkt ihm eine Trüffelwurst oder Henry Clays oder eine Radierung von Klinger oder – warum nicht, wenn er sich's wünscht?! – eine kleine Drehorgel, gerade weil es Verschwendung ist, weil es Luxus ist, weil es ein Spiel ist! Ach mein Gott, wir haben ja alle das Spiel so nötig! Dazu sind uns ja Tage des Festes gegeben, daß wir einmal herauskommen aus der verdammten Trivialität der Regelmäßigkeit! Darum verzehrt man ja am Weihnachtsfeste so viele Hasen, Gänse, Enten, Karpfen, Kuchen, Äpfel, Nüsse, Mandeln, Rosinen, Datteln, Feigen, Mandarinen und Apfelsinen mit den zugehörigen Getränken, weil selbst die geregelte Verdauung etwas ist, was unterbrochen werden muß, wenn es nicht langweilig werden soll!


Ich kann euch sagen: ich hab die Nützlichkeit geschmeckt. Die guten Eltern waren keine Prosaiker, wenn's nicht nötig war. Aber als ich vierzehn Jahr alt war, da hieß es: »Der große Junge braucht wohl kein Spielzeug mehr; der kriegt diesmal was Nützliches.« Natürlich stimmte ich stolzen Herzens zu; es war ja noch vierzehn Tage vor Weihnacht. Ich, ein junger Mann von vierzehn Jahren, soll mir Spielsachen schenken lassen – lächerlich! Als dann aber die Bescherung kam, da waren wirklich keine da! Die jüngeren Geschwister hatten niedliche Windmühlen und Baukästen und Hühnerhöfe; aber ich hatte nicht ein einziges Stück, sag ich euch. Nur Kragen, Strümpfe, Halstücher und so etwas. Geweint hab ich sehr, aber nur nach innen! Zwei oder drei bitterheiße Tropfen. Nach außen hab ich den jungen Mann aufrecht erhalten. Ein paarmal hab ich mich wohl vergessen und heimlich mit den Sachen der anderen gespielt; aber – du lieber Himmel – mit vierzehn Jahren ist man auch noch ein recht junger Mann. Als ein jüngerer Bruder mich verspottete, weil ich mit seiner Windmühle spielte, vermochte ich ihm mit Hoheit und einem großen Jungensbaß zu erwidern: »Du Dummbart, ich wollte nur mal sehen, wie sie eingerichtet ist.«


Wenn eure Kinder mit vierzehn, sechzehn, achtzehn Jahren und später noch spielen mögen, so stört sie nicht. Denn das sind gewöhnlich die Menschen, die draußen in der ernsten Welt ihr Werk angreifen mit froher Kinderkraft und die mit naivem Lächeln bewältigen, was dem Pedanten unmöglich schien.


Ja, wenn ich nicht fürchten müßte, mich grenzenlos zu blamieren, so würde ich irgend einem verschwiegenen Freunde in aller Heimlichkeit gestehen, daß mir bei den Weihnachtseinkäufen in den Spielzeugläden oft ganz weich und kindisch ums Herz wird. Meine Frau behauptet auch, daß ich immer teurere Dinge kaufte, als ich mir zu Hause vorgenommen hätte. Sie verschweigt dabei allerdings, daß sie die geringere Ware so lange mitleidig betrachtet und die bessere so lange reizend findet, bis ich mich für das Reizende entscheide. Das muß ich ja zugeben: Die letzte Entscheidung überläßt sie mir. Wenn ich also nicht Manns genug bin, so trifft ja mich die Verantwortung. Aber wenn ich Raubtiere sehe, die wirklich wie Tiere aussehen, mit wirklichem Fell überzogen sind, und darunter einen Bären, der wirklich diesen charakteristischen Bärenblick hat, diesen bonhommistischen Raubtierblick, diesen blutdürstigen Honigblick, diesen politischen Pastorenblick, einen Bären, der noch dazu nicht größer ist als der Elefant in derselben Schachtel, vielleicht sogar etwas kleiner –: dann werd ich eben schwach, dann kann ich nicht widerstehen.


Und nun die Heimlichkeit, wenn man nach Hause kommt. Welch ein Glanz umflimmert solch ein graupapierenes Paket. Fragende Wünsche, zweifelnde Hoffnungen umflattern es wie Falter mit farbenwechselnden Flügeln! Und wie muß man sich zusammennehmen, um die Kinder zu überzeugen, daß man keine Ahnung habe, womit sie einen überraschen wollen.


Und näher rückt die Zeit – »jetzt noch zehnmal schlafen« . . . . »jetzt noch neunmal« . . . . Da kommen sie überall her auf weichen, weißen Schwingen, die schönen Weihnachtslieder. Sind sie wirklich alle so schön, oder ist es nur, weil bei jedem Ton eine ganze vergangene Weihnacht heraufsteigt? Und dann tönt wieder die liebliche Geschichte von dem Kindlein in der Krippe, von der Herrlichkeit, die sich aufthat über den nächtlichen Hirten, und von dem Stern, der über der Hütte von Bethlehem stand. Es war ein großer, reiner, sanfter Stern. Seine Schönheit leuchtete allen Landen; aber vor allem herrlich schaute er herab auf Germaniens weißstarrende Winterwälder, auf Deutschlands nebelrauchende Wiesen! Die Kinder Germaniens lieben aus innerster Seele das Licht, das durch schweigende Nebel dringt, das feuchte Silber der Wintermorgensonne, der Elben nächtlich wogende Schleier, durch die das stille Auge des Mondes blickt. Wenn die Äste krachen unter der Last des Eises, und schweigender Schnee seine Schwelle längst schon begrub, dann steht der Deutsche am dunklen Fenster und spricht mit dem letzten roten Schimmer der sinkenden Wintersonne.


Dies ist ihm das rechte Neujahrsfest; es ist Wintersonnenwende. Heute denkt er zurück, wen er zu sehr gehaßt, wen er zu wenig geliebt. Er sieht im müden, warmen Lichte der letzten Röte den Nachbar Fuhrmann nach Hause kommen, den Tannenbaum unter dem Arm, daß die Spitze durch den Schnee schleift. Ein Hündchen springt über den Weg und kehrt wieder ins Haus zurück. Wer wollte denn heut nicht daheim sein? Weihnacht feiert wohl selbst der Stein am Wege. Über allem ist ein lächelnder, unerschütterlicher Wille zum Frieden ausgebreitet. Und ganz am äußersten Rande des weiten Schneefeldes sieht nun der Deutsche ein niedriges Dach, und über der schneeverwehten Hütte entzündet sich mehr und mehr ein Stern. Und ganz – ganz leise und ganz fein – aber doch so klar – und so ruhevoll kommt es dahergezogen, ein Lied, ach ein feines, wunderbares Lied:


»Es ist ein Reis entsprungen

Aus einer Wurzel zart.

Wie uns die Alten sungen,

Von Jesse kam die Art.

Und hat ein Blümlein bracht

Mitten im kalten Winter

Wohl zu der halben Nacht.«


Das ist ein deutscher Sang. Denn das erquickt den Deutschen am innigsten, wenn aus dem verschneiten Winterdunkel ein Schimmer dringt, wenn aus totenstillen Winternebeln langsam die Sonne des kommenden Frühlings blüht.


Und wenn nun hinter ihm im Dunkel der geschmückt schon harrende Baum mit leisem Geräusch die Zweige dehnt – und wenn die Kinder vor der Thür stehen und die schwellenden Wünsche in ihren Herzen aufbrechen zu heißblühendem Verlangen – dann ist das Wintersonnenmärchen auf seinem Gipfel, dann wirkt sie ihren höchsten Zauber, die heilige Dichtung, die die Menschen »Weihnacht« nennen.


Es gibt nur noch wenige Dichtungen, die so schön sind. Eine heißt »Entschwundene Kindheit«, eine andere »Der nächste Frühling«. Weiß jemand noch eine?



5

Otto Ernst

Erwartung der Weihnacht


Noch eine Nacht – und aus den Lüften

Herniederströmt das goldne Licht

Der wundersamen Weihnachtsfreude,

Verklärend jedes Ungesicht.

Und wieder klingt die alte Sage:

Wie einst die Lieb’ geboren ward,

Die unbegrenzte Menschenliebe

In einem Kindlein hold und zart.

Nun zieht ein süß erschauernd Ahnen

Durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld.

Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier

Des trauten Heimes kleine Welt.

Dahinter strahlt’s und lacht’s und flimmert’s

Und ist der süßen Rätsel voll,

Durch alle Räume weht ein Odem

Der Freunde, die da kommen soll.

Und draußen nicken Bäum’ und Büsche

So leis’ winterklarer Luft:

Die Kunde kommt, dass neues Leben

Sich wieder regt in tiefer Gruft.

Es knarrt die Eiche vor dem Fenster,

Sie träumt von langer Zeiten Lauf;

Da steigt wohl auch ein froh’ Erinnern

In ihre Krone still hinauf.

O weilt, ihr jugendschönen Stunden,

Verweile du, der Hoffnung Glück!

Vermöcht’ ich’s nur: mit allen Kräften

Der Seele hielt’ ich dich zurück.

Ihr süßen Träume es Erwartens,

Der Wunder und Gedicht voll,

Ihr seid noch schöner als der Jubel,

die Freude, die da kommen soll.



6

Hans Christian Andersen

Der letzte Traum der alten Eiche

Ein Weihnachtsmärchen


Da stand im Wald, hoch auf dem Abhang an der Meeresküste so eine richtige alte Eiche, die genau dreihundertfünfundsechzig Jahre alt war, aber die lange Zeit war für den Baum nicht mehr als ebenso viele Tage für uns Menschen. Wir wachen am Tage, schlafen in der Nacht und haben dann unsere Träume; mit dem Baum ist es anders, er durchwacht die drei Jahreszeiten, erst gegen den Winter findet er seinen Schlaf, der Winter ist seine Ruhezeit, er ist seine Nacht nach dem langen Tag, der Frühling, Sommer und Herbst heißt.


An manchem warmen Sommertag hatte die Eintagsfliege um seine Krone getanzt, gelebt, geschwebt und sich glücklich gefühlt, und ruhte dann das kleine Geschöpf einen Augenblick in stiller Glückseligkeit auf einem der großen frischen Eichenblätter aus, dann sagte der Baum stets: »Arme Kleine! Nur ein einziger Tag ist dein ganzes Leben! Wir kurz nur! Es ist traurig!«


»Traurig?« antwortete dann stets die Eintagsfliege, »was meinst du damit? Alles ist ja so wunderbar hell, so warm und schön, und ich bin so froh!«


»Aber nur einen Tag, und dann ist alles vorbei!«


»Vorbei!« sagte die Eintagsfliege. »Was ist vorbei? Bist du auch vorbei?«


»Nein, ich lebe vielleicht Tausende von deinen Tagen, und mein Tag umfaßt ganze Jahreszeiten! Das ist etwas so Langes, daß du es gar nicht ausrechnen kannst!«


»Nein, denn ich verstehe dich nicht! Du hast Tausende von meinen Tagen, aber ich habe Tausende von Augenblicken, um darin froh und glücklich zu sein! Hört denn alle Herrlichkeit dieser Welt auf, wenn du stirbst?«


»Nein«, sagte der Baum, »die währt gewiß viel länger, unendlich länger, als ich zu denken vermag.«


»Aber dann haben wir ja gleich viel, nur daß wir verschieden rechnen!«


Und die Eintagsfliege tanzte und schwang sich in die Luft, freute sich an ihren feinen kunstvollen Flügeln, an ihrem Flor und Samt, freute sich der warmen Luft, die so gewürzt war vom Duft des Kleefeldes und der wilden Rosen, des Flieders und Geißblattes am Zaun, ganz zu schweigen vom Waldmeister, den Schlüsselblumen und der wilden Krauseminze; es war ein Duft, so stark, daß die Eintagsfliege glaubte, davon einen kleinen Rausch zu haben. Der Tag war lang und herrlich, voll Freude und süßen Gefühls, und als dann die Sonne sank, fühlte sich die kleine Fliege immer so behaglich müde von all der Lust. Die Flügel wollten sie nicht länger tragen, und ganz leise glitt sie auf den weichen, wiegenden Grashalm nieder, nickte mit dem Kopf, wie sie eben nicken kann, und schlief so fröhlich ein, das war der Tod.


»Arme kleine Eintagsfliege!« sagte die Eiche, »das war doch ein allzu kurzes Leben!«


Und an jedem Sommertag wiederholte sich derselbe Tanz, dieselbe Rede, die Antwort und das Hinüberschlummern; es wiederholte sich durch ganze Geschlechter von Eintagsfliegen, und alle fühlten sie sich gleich glücklich, gleich froh. Die Eiche stand wach an ihrem Frühlinsmorgen, Sommermittag und Herbstabend; nun nahte ihre Schlafenszeit, ihre Nacht, der Winter kam.


Schon sangen die Stürme: »Gute Nacht, gute Nacht! Hier fiel ein Blatt, dort fiel ein Blatt. Wir pflücken, wir pflücken! Sieh zu, daß du schlafen kannst! Wir singen dich in Schlaf, wir schütteln dich in Schlaf, aber nicht wahr, es tut wohl in den alten Zweigen! Sie knacken dabei vor lauter Vergnügen! Schlaf süß, schlaf süß! Es ist deine dreihundertundfünfundsechzigste Nacht, eigentlich bist du doch nur ein Guck-in-die-Welt! Schlaf süß! Die Wolke streut Schnee, das wird ein ganzes Laken, ein warmes Deckbett um deine Füße! Schlaf süß und träume gut!«


Die Eiche war all ihres Laubes entkleidet, um den ganzen langen Winter zu ruhen und manchen Traum zu träumen, immer etwas Erlebtes, wie in den Träumen der Menschen.


Der Baum war auch einmal klein gewesen, ja, eine Eichel war seine Wiege gewesen; nach Menschenrechnung lebte er nun in seinem viertel Jahrhundert; er war der größte und mächtigste Baum im Wald, mit seiner Krone ragte er hoch über alle anderen Bäume hinaus und wurde weit draußen auf der See gesehen, diente den Schiffen als Zeichen; er ahnte nicht, wie viele Augen ihn suchten. Hoch oben in seiner grünen Krone baute die Waldtaube ihr Nest, ließ der Kuckuck seinen Ruf ertönen, und im Herbst, wenn die Blätter aussahen wie gehämmerte Kupferplatten, kamen die Zugvögel und rasteten dort, bevor sie über die See davonflogen; aber nun war es Winter, der Baum stand entblättert da, man konnte gut sehen, wie krumm und knorrig sich die Zweige ausstreckten. Krähen und Dohlen kamen und ließen sich dort wechselweise nieder und sprachen von der beginnenden strengen Zeit und wie schwer es sei, im Winter Nahrung zu finden.


Es war gerade um die heilige Weihnachtszeit, da träumte der Baum seinen schönsten Traum; den wollen wir hören.


Der Baum empfand deutlich, daß es eine festliche Zeit war, er meinte die Glocken ringsum von allen Kirchen läuten zu hören, und ihm war zumute wie an einem schönen, milden und warmen Sommertag; frisch und grün breitete er seine mächtige Krone aus, die Sonnenstrahlen guckten zwischen Blättern und Zweigen hindurch, die Luft war erfüllt vom Duft der Kräuter und Büsche; bunte Schmetterlinge spielten Haschen, und die Eintagsfliegen tanzten, als sei alles nur dazu da, damit sie tanzen und sich freuen sollten. Alles, was der Baum Jahre hindurch erlebt und um sich her gesehen hatte, zog wie in einem ganzen Festzug vorüber. Er sah aus alter Zeit Ritter und Damen zu Pferde, mit Federn am Hut und den Falken auf der Hand, durch den Wald reiten; das Jagdhorn erklang, und die Hunde bellten; er sah feindliche Soldaten in bunten Kleidern, mit blanken Waffen, mit Spießen und Hellebarden, Zelte aufschlagen und wieder abbrechen; das Wachtfeuer flammte, und man sang und schlief unter den ausgebreiteten Zweigen des Baumes; er sah, wie sich Liebesleute in stillem Glück hier im Mondschein trafen und den ersten Buchstaben ihrer Namen in die graugrüne Rinde schnitten. Zither und Äolsharfe waren einmal – ja, es lagen Jahre dazwischen – von munteren fahrenden Gesellen in den Zweigen der Eiche aufgehängt worden, nun hingen sie wieder dort, nun klangen sie dort wieder so lieblich. Die Waldtauben gurrten, als wollten sie erzählen, was der Baum dabei empfand, und der Kuckuck rief ihm zu, wieviel Sommertage er noch leben sollte.


Da war es, als durchriesele ihn ein neuer Lebensstrom von den kleinsten Wurzelfasern bis in die höchsten Zweige, bis in die Blätter hinein. Der Baum fühlte, daß er sich dabei reckte und streckte, ja, er fühlte es in seinen Wurzeln, daß auch unten in der Erde Leben und Wärme war; er fühlte seine Kraft zunehmen, er wuchs höher und höher, der Stamm schoß empor, da war kein Stillstand, er wuchs immer mehr und mehr, die Krone wurde voller, breitete sich aus, richtete sich empor – und je mehr der Baum wuchs, desto mehr wuchs auch sein Wohlbefinden, seine beglückende Sehnsucht, immer höher zu reichen, ganz hinauf bis in die leuchtende warme Sonne.


Schon war er hoch über die Wolken hinaufgewachsen, die wie dunkle Scharen von Zugvögeln oder große weiße Schwärme von Schwänen unter ihm dahinzogen.


Und jedes Blatt des Baumes konnte sehen, als hätte es Augen, um zu schauen; die Sterne wurden bei Tag sichtbar, groß und blank, jeder von ihnen leuchtete wie ein Augenpaar, so sanft, so klar; sie erinnerten an bekannte liebe Augen, an Kinderaugen, an die Augen Liebender, wenn sie sich unter dem Baum begegneten. Es war ein glückseliger Augenblick, so voller Freude! Und doch, in dieser Freude empfand der Baum eine Sehnsucht danach, daß alle anderen Bäume des Waldes dort unten, alle Büsche, Kräuter und Blumen sich mit ihm erheben könnten, um auch diesen Glanz und diese Freude zu empfinden und zu fühlen. Die mächtige Eiche war im Traum all ihrer Herrlichkeit doch nicht vollkommen glücklich, wenn sie sie nicht alle, groß und klein, bei sich hatte, und dieses Gefühl bebte durch alle Zweige, alle Blätter so innig und stark, wie in einer Menschenbrust.


Der Baum bewegte seine Krone, als suche und vermisse er etwas, er schaute zurück, und da spürte er den Duft des Waldmeisters und bald den noch stärkeren Duft des Geißblattes und des Veilchens, und er glaubte, er höre den Kuckuck antworten.


Ja, durch die Wolken guckten die grünen Wipfel des Waldes, unter sich sah er die anderen Bäume wachsen und sich erheben wie er; Büsche und Kräuter schossen hoch auf, einzelne rissen sich mit der Wurzel los und flogen noch schneller. Die Birke war am schnellsten; wie ein weißer Blitzstrahl schoß ihr schlanker Stamm empor, die Zweige wallten wie grüne Schleier und Fahnen, die ganze Waldnatur, selbst das braungefiederte Rohr wuchs mit, und die Vögel folgten und sangen, und auf dem Halm, der wie ein langes grünes Seidenband lose flatterte und flog, saß der Grashüpfer und spielte mit dem Flügel auf seinem Schienbein; die Maikäfer brummten, und die Bienen summten, jeder Vogel sang, wie ihm der Schnabel gewachsen war, alles war Gesang und Freude bis in den Himmel.


»Aber die kleine blaue Blume am Wasser, die sollte auch mit!« sagte die Eiche, »und die rote Glockenblume und das Gänseblümchen!«


Ja, die Eiche wollte sie alle um sich haben.


»Wir sind da! Wir sind da!« sang und klang es.


»Aber der schöne Waldmeister vom vorigen Sommer – und im vorigen Jahr war hier doch ein Flor von Maiglöckchen! – Der wilde Apfelbaum, wie blühte er so herrlich – und all die Waldespracht seit Jahren, seit vielen Jahren! Wäre sie bis heute am Leben geblieben, so hätte sie doch auch dabei sein können!«


»Wir sind da! Wir sind da!« sang und klang es noch höher, es war, als seien sie vorangeflogen.


»Nein, das ist gar zu schön, unglaublich schön!« jubelte die alte Eiche. »Ich habe sie alle! Klein und groß! Nicht einer ist vergessen! Wie ist doch all die Glückseligkeit möglich und denkbar!«


»In Gottes Himmelreich ist sie möglich und denkbar!« erklang es.


Und der Baum, der immerfort wuchs, fühlte, daß seine Wurzeln sich aus der Erde lösten.


»Das ist nun das allerbeste!« sagte der Baum, »jetzt halten mich keine Bande mehr! Ich kann zum Allerhöchsten in Licht und Glanz emporfliegen! Und alle Lieben sind bei mir! Kleine und Große! Alle!«


»Alle!«


Das war der Traum der Eiche, und während sie träumte, ging ein gewaltiger Sturm über Land und Meer – in der heiligen Weihnacht; die See wälzte schwere Wogen gegen den Strand, der Baum knarrte; krachte und wurde mit der Wurzel ausgerissen, gerade als er träumte, daß seine Wurzeln sich lösten. Er fiel. Seine dreihundertundfünfundsechzig Jahre waren jetzt wie ein Tag der Eintagsfliege.


Am Weihnachtsmorgen, als die Sonne aufging, hatte sich der Sturm gelegt; alle Kirchenglocken läuteten festlich, und aus jedem Schornstein, selbst aus dem kleinsten auf dem Dach des Kätners, erhob sich bläulich der Rauch, wie beim Fest der Druiden der Rauch des Dankopfers vom Altar. Die See wurde stiller und stiller, und draußen auf einem großen Schiff, das in der Nacht das harte Wetter gut überstanden hatte, wurden nun alle Flaggen gehißt, weihnachtlich und schön.


»Der Baum ist fort! Die alte Eiche, unser Zeichen an der Küste! « sagten die Seeleute. »Er ist in dieser Sturmnacht gefallen! Wer wird ihn ersetzen können? Das kann keiner!«


Eine solche Leichenrede, kurz, aber wohlgemeint, bekam der Baum, der auf der Schneedecke am Ufer hingestreckt lag; und über ihn hin erklang der Choralgesang vom Schiff, ein Lied von der Weihnachtsfreude und von der Erlösung der Menschenseele in Christo und dem ewigen Leben:


»Sing laut zum Himmel, Christenschar:

es ist erfüllt! – Sie ihn gebar,

Der Freud ist ohnegleichen!

Halleluja! Halleluja!


So lautete das alte Lied, und jeder auf dem Schiff draußen fühlte sich in seiner Weise durch das Lied und das Gebet erhoben, wie der alte Baum sich erhoben gefühlt hatte in seinem letzten, seinem schönsten Traum in der Weihnachtsnacht.



7

Emanuel Geibel

Weihnacht.


Wie bewegt mich wundersam

Euer Hall, ihr Weihnachtsglocken,

Die ihr kündet mit Frohlocken,

Daß zur Welt die Gnade kam.


Überm Hause schien der Stern,

Und in Lilien stand die Krippe,

Wo der Engel reine Lippe

Hosianna sang dem Herrn.


Herz, und was geschah vordem,

Dir zum Heil erneut sich's heute:

Dies gedämpfte Festgeläute

Ruft auch dich nach Bethlehem.


Mit den Hirten darfst du ziehn,

Mit den Königen aus Osten

Und in ihrer Schar getrosten

Muts vor deinem Heiland knien.


Hast du Gold nicht und Rubin,

Weihrauch nicht und Myrrhenblüte:

Schütt' aus innerstem Gemüte

Deine Sehnsucht vor ihm hin!


Sieh, die Händchen zart und lind

Streckt er aus, zum Born der Gnaden,

Die da Kinder sind zu laden,

Komm! Und sei auch du ein Kind!



8

Ludwig Anzengruber

Weihnacht.

(November 1887.)


Ob hoch, ob nieder wir geboren,

So wie uns antritt das Geschick,

So geht der frohe Kindesblick,

Das Kinderherz geht uns verloren.


Wir fühlen mählich uns verhärten

'gen alter Sagen Trost und Lust,

Die uns des Lebens wirren Wust

Zur heil'gen Einheit einst verklärten.


Zerstoben bis auf wen'ge Reste

Ist der Erinnerung Gewalt,

Abwägend stehen wir und kalt

Selbst vor des Jahres schönstem Feste.


Wir stehn vor einem toten Baume,

Gemordet an des Waldes Rand,

Geschmückt mit Flitter und mit Tand,

Gar ungleich unserm Kindheitstraume.


Doch stürzet dann herein zur Schwelle

Die kleine Schar mit Jubelschrei,

Dann schleicht auch uns ins Herz dabei

Der Weihnachtslichter frohe Helle.


Und glänzt dein Aug' in freud'gem Schimmer,

O, sage mir, was es verschlägt,

Wenn das, was dir das Herz bewegt,

Auch eitel Tand nur ist und Flimmer?


Dem allem, was mit scharfen Sinnen

Du an den Dingen dir erschließ'st,

Und was du wägst und zählst und miss'st,

Dem läßt kein Glück sich abgewinnen!


Was dich an Leiden und an Freuden

Auf deines Lebens Bahn betrifft,

Es ist des Herzens Runenschrift,

Und nur das Herz weiß sie zu deuten.


Drum laß das Kritteln und Verneinen

Und lautern Herzens sei bereit,

Zur frohen, sel'gen Weihnachtszeit

Dem Kinderjubel dich zu einen.


Erfasse ganz des Glaubens Fülle,

Der deine Kindheit einst durchweht,

Vom Gott, der hilfbereit ersteht,

In armer, dürft'ger Menschenhülle.


Der Heiland wallt allzeit auf Erden,

Das glaube felsenfest und treu,

Nur freilich muß er stets aufs neu'

In jedes Brust geboren werden.



9

Rosalia Rothpletz

Der Vorabend des Weihnachtsfestes


Was ist's, das in den Tagen des Advents, wenn die Stürme des Dezembers unfreundlich wüthen, und schaurig dunkle Wolken keinem Sonnenblicke den Durchgang verstatten, dennoch die Gemüther der Menschen heiter stimmt und alle häuslichen Interessen in regerem Leben durch einander treibt? Wo liegt der Grund der frohen Erwartung, die man nicht nur in den holdseligen Gesichtern der muntern Kinderschaar abgezeichnet sieht, die sich auch in den Zügen älterer Personen, oft mit einer sanften Wehmuth vermischt, so sichtbar zeigt? Und warum werfen die Lichter des Weihnachtsfestes einen so wohlthätigen Schimmer auf die dunkle Erde, daß ihr Glanz die düstern Schatten der Nächte durchdringt, die in diesem Theile des Jahres beinahe dem Tage nicht mehr zu weichen vermögen? Warum entzünden sie selbst in den zerrissenen Herzen die Flammen der Hoffnung und erneuerten Lebensfreude?


Beinahe alle Menschen fühlen sich in jenen Tagen, wo der Schimmer eines göttlichen Lichts dem armen, irrenden Geschlechte aufging, mehr als gewöhnlich erregt und still fröhlich; es ist ein heimliches Treiben und Walten überall, wo nicht der Jammer dieses Erdenlebens jede aufkeimende Blüthe geknickt hat. Selten nur ist irgend Einer so arm oder so ganz mit sich und dem Dasein zerfallen, daß er nicht die Einwirkung einer Epoche empfinden sollte, die gleichsam mit mystischem Scheine das Herz und die Sinne umfängt; selten sind die, denen nicht wenigstens in diesem einen Momente des ganzen Jahres eine Regung der Freude gegeben ist, und deren matter Brust sich kein Laut des Frohsinns zu entwinden vermag. –


Es sind die Bilder unserer Jugend, die leise grüßend an uns vorüber gleiten; es sind die Erinnerungen an eine Zeit, wo die Welt noch in überirdischem Glanze vor den jugendlichen Sinnen lag, und Alles, was herrlich und groß und lieblich sich dem kindlichen Auge darstellte, so leicht zu erreichen schien, die mit ihren harten Schwingen das enttäuschte Herz beschwichtigen und es noch einmal zurückführen in die Tage der heitern Kindheit; es sind die Freuden längst vergangener Zeit, deren verwelkte Blumen sich uns noch einmal auffrischen, und deren Andenken wir in der Sorge um die, welchen an unserer Statt nun die Genüsse der frohen Jugend gegeben sind, festzuhalten streben. Auch die ärmsten jener Kleinen, denen der Heiland das Reich Gottes verhieß, freuen sich, so lange die Mutterliebe, die Alles möglich zu machen weiß, an ihrer Seite steht, einer unbedeutenden Gabe, die auch auf sie einen Strahl der Millionen Lichterchen hinleitet, welche in reicher Eltern Hause die jubelnden Kinder entzückt. Auch in der kleinsten Hütte weicht die bittere Sorge auf einzelne Minuten irgend einem Genusse, der nur darum erfreuen kann, weil sonst die Befriedigung der ersten Bedürfnisse nur selten über die niedere Schwelle tritt. Und wo der Jammer eines verkümmerten Daseins zu groß ist, um auch dieser geringen Erleichterung Eingang zu gestatten, da fällt der Abglanz einer höhern Weihnachtsfreude in das verarmte Herz und führt die Seele von den Entsagungen dieses Erdenlebens hinweg den schönen Hoffnungen zu, welche die Feier des Weihnachtsfestes zur frohen Gewißheit macht.


Mit glänzender Umgebung erhebt sich hingegen die Weihnachtsfreude in den Häusern der Reichen und Wohlhabenden, denen wohl der Kummer unter jeder Gestalt nahen kann, denen aber der Mangel und Alles in seinem Gefolge, das so mächtig auf das innere und äußere Leben wirkt, fremd bleibt. Laut und schallend treibt sich die fröhliche Menge in den Straßen großer Städte, die der Wiederschein glänzender, mit allem Ueberflusse asiatischer Pracht prangender Buden erhellt, und die von dem Schimmer der unzähligen Lichter freundlich belebt sind, welche die Bescheerungen umgeben, die nicht auf das Bedürfniß berechnet, und Alles erschöpfend, was nur die Lust der Sinne zu reizen vermag, oft in dem Herzen der kleinen, unschuldigen Wesen, denen sie bestimmt sind, entweder die schlimme Begierde nach immer glänzendern Besitzungen rege machen oder, indem sie alle ihre Wünsche befriedigen, den jungen Gemüthern viel zu frühe eine Uebersättigung geben, deren nachtheiliger Einfluß durch das ganze übrige Leben sichtbar bleibt. Der rauschende Lärm, das Wogen der lustwandelnden und kaufenden Menge, die Fröhlichkeit, die sich selbst oft gegen den eigenen Willen mitten in diesem bunten Gewirre des Geistes der Theilnehmer bemächtigt, das Sinnen und Trachten nach Zerstreuung und Vergnügen, entfernt natürlicher Weise jeden ernstern Gedanken an die Veranlassung des frohen Festes, der vielleicht mehr als jeder andere geeignet wäre, dauernde Freude zu verbreiten, und Alles taumelt und rennt von einer Lust zu der andern, bis der Schall der mitternächtlichen Glocken den lauten Jubel übertönt, bis die Menschenmenge in die mit tausend Lichtern geschmückten Tempel wallt, und unter dem schönen Chorgesang: »Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden!« die sterbliche Natur es fühlt, daß ein erhabneres Interesse dem irdischen Tand vorangehen sollte, und auf die Knie sinkend das Göttliche in sich aufnimmt und den Herrn der himmlischen Heerschaaren freudig anbetet.


Weit einfacher, stiller, aber gewiß nicht minder zweckmäßig, geht in den kleinern wie in den größern Städten der reformirten Schweiz die Feierlichkeit, wie die Freude der Weihnachtsabende und vorzüglich des wichtigsten vorüber, der dem Menschengeschlecht die herrliche Kunde brachte: »Euch ist ein Heiland geboren!« Beschränkt in ihren Hülfsmitteln, sich selten über den glücklichen Mittelstand erhebend, kennt die größere Zahl der Einwohner kaum dem Namen nach alle die Gegenstände des höchsten Luxus, die anderwärts als Bedürfniß erscheinen. Hier ist wirklich die Freude des Christfestes noch in ursprünglicher Reinheit zu finden; und wenn irgend Etwas außer dem heimlich erregten, diesen Tagen eigenthümlichen Sinne noch auf die Gemüther bedeutend wirkt, so ist es das Entzücken der Kinder, es find die kleinen wohlthuenden Ueberraschungen, die von Freunden und Bekannten einander gemacht werden, nur selten aber die Grenzen einer lobenswerthen Bescheidenheit übersteigen. Freilich sprechen die reformirten Kirchen, von allem äußern Schmuck entblößt, vielleicht zu einfach für die von solchen Eindrücken abhängenden Menschen, nicht so feierlich und erregend zu den Andächtigen, die in ihrem Raume sich sammeln; freilich rufen nicht in mitternächtlicher Stunde die Glockentöne zum Tempel, sondern sie thun es im abendlichen Dämmerlichte, wo der Geist noch nicht so gespannt und das Herz noch nicht für alles Ungewöhnliche so empfänglich ist; freilich schimmert statt dem Glanze von tausend Lichtern, die in magischer Beleuchtung die Sinne überraschen, nur hie und da ein einsames Lämpchen, dessen einzelner Schein die Gegenstände in unsichern Umrissen kaum erkennen läßt: aber in diesem feierlichen Dunkel, abgezogen von allem äußern Einflusse, sammelt sich die Seele zu wohlthätiger Betrachtung; – in deutlichen Bildern geht das Schlimme und Gute des verflossenen Jahres an dem innern Auge vorüber, das bange Herz öffnet sich bereitwillig den göttlichen Verheißungen, der Kummer, dessen jedes Wesen, sichtbar oder unsichtbar, gewiß seinen Theil trägt, mildert sich, es werden Entschlüsse gefaßt, deren heilsame Folgen sich oft auf das Leben erstrecken, und wenn die einfachen Töne der Orgel, jeden Schmerz beschwichtigend, die befriedigten Menschen nach Hause geleitet haben, und in stiller Freude jeder Einzelne des kommenden festlichen Morgens gedenkt, so empfängt ihn daheim der Jubel jugendlicher Wesen; die brennenden Lichter, die anmuthige Wärme, der einladende Theetisch, um den sich bald ein kleiner traulicher Kreis sammelt, vollenden den Genuß des freundlichen Abends, und in dem Bewußtsein, daß nur das häusliche Glück es sei, um dessen willen es sich lohne, gelebt zu haben, gehen nach einigen Stunden Alle zu der friedlichen Ruhe über, die einem solchen Feste geziemt.


Ein Bild solcher einfachen Weihnachtsfreuden, solcher still, aber mächtig empfundener Eindrücke, denen einige zusammentreffende Umstände eine höhere Bedeutung gaben, legen wir in diesen Blättern den Lesern vor die Augen, wünschend und hoffend, es möge hie und da ein Laut zum Herzen sprechen, und denjenigen, die das Leben hart getroffen hat und denen der Weihnachtsabend kein freudiges Gefühl zu geben vermag, wenigstens eine erleichternde Stunde verschaffen.


In der freundlich hellen Stube ihres Unterhauses saß an dem Vorabend des Weihnachtsfestes Frau von Detmund, die ziemlich bejahrte Wittwe eines der ersten Beamten in einem der Kantone der deutschen Schweiz, die, von Sehnsucht nach einem stillen, von der Welt abgezogenen Leben getrieben, nach dem Tode ihres Gatten sich in einem der kleinen Städtchen angekauft hatte, welche in unserm Vaterlande sich so zahlreich finden und mit allen Nachtheilen eines beschränkten Wirkungskreises auch viele Vortheile verbinden, die man vergeblich in den Mauern größerer Städte, mitten unter den mannigfaltigen Beziehungen des höhern gesellschaftlichen Lebens suchen würde. Die Umgebungen, in denen wir sie heute zum ersten Mal erblicken, sind etwas seltsam, aber mit dem ganzen Aeußern übereinstimmend, das den Beobachter in zartem Wohlwollen anspricht, und dessen einzelne Züge unwidersprechlich den Weich derjenigen beurkunden, die, den eigenen Täuschungen längst entronnen, fern allen Ansprüchen, die das Herz in frühem Jahren macht, dennoch beiden nicht so entfremdet ist, daß sie es nicht vermöchte, den Wünschen und Hoffnungen Anderer mit mildem Sinne entgegen zu kommen, und den Reiz des Lebens in dem Wiederscheine fremden Glückes zu finden. Auf Tischen und Stühlen, auf dem Kanapee und rings auf dem Boden lagen ausgebreitet eine Menge Dinge, deren Mannigfachheit leicht errathen ließ, daß sie Personen von ungleichem Alter und verschiedenartigem Geschmacke bestimmt sein müßten. Auf bunten Shawls ruhten Hanswürste und Bullenbeißer, köstliche Zeuge mischten sich mit Trommeln, Peitschen und Puppen; Nähkästchen und Schreibpulte hielten sich traulich Gesellschaft und natürliche und künstliche Blumen pflegten bei vergoldeten Nüssen, Zuckerplätzchen, Makaronen und Leckerbischen jeder Art gemeinsame Ruhe.


Frau von Detmund saß auf einem Lehnstuhle, vor ihr stand ein Tischchen, auf welchem ein schöner hoher Weihnachtsbaum prangte, der oben mit Lichterchen und glänzenden Gaben der mannigfaltigsten Gattung geschmückt werden sollte, von denen sie eine nach der andern, an rosenfarbene Bänder gereiht, einer jugendlich hohen Gestalt darbot, die neben ihr stehend sich bald auf den Spitzen der fein gebildeten Füßchen wiegte, bald den Lockenkopf tief hinunter bückte, um die dargereichten Gegenstände in geschmackvoller Mischung an die Aeste zu knüpfen. Ein Blick reichte hin, um das emsig beschäftigte Mädchen als eine südliche Natur zu bezeichnen; denn diese dunkle und dennoch belebte Gesichtsfarbe, dieses schwarze Rabenhaar, diese tiefen Augen voll innerer Gluth und die gewandte, leichte Sylphidengestalt mußte beinahe das südliche Frankreich oder Italien als Vaterland verrathen, wenn auch nicht der holdselige Mund die deutschen ungewöhnlichen Laute in sonderbaren Veränderungen wiedergegeben und hingegen mit seltener Geläufigkeit französischen Sätze, die Ausrufungen und liebkosende Worte, zwischenein geflickt hätte.


Auf einem kleinen Stühlchen kniete an der andern Seite neben der alten Frau das leibhafte Gegenstück zu dem vorhin beschriebenen. lebendigen Wesen; eine zarte, beinahe ätherische Figur, eine Fülle von blonden Locken, ein Auge, in welchem sich das lichte Blau des Himmels zu spiegeln schien, und die Blüthe der Lilien und Rosen auf der zarten Haut ließen eine jener Schönheiten ahnen, die unter den Strahlen einer heißen Sonne nicht gedeihen können, und welche nur ein kälteres Klima hervorbringt. In freundlicher Liebe ruhte ihr Blick auf den geistreichen, oft muthwilligen Zügen ihrer Gefährtin, deren heitere Scherze ihr recht zu behagen schienen, ohne daß sie dieselben zu erwiedern sich berufen gefühlt hätte; denn so verschieden das Aeußere der beiden Mädchen erschien, eben so ungleichartig waren die Einzelnheiten ihrer Charaktere, und lebendiger Frohsinn von der einen, tiefer Ernst von der andern Seite hätten es beinahe unbegreiflich gemacht, wie diese beiden heterogenen Gemüther sich lieben und verstehen konnten, wenn nicht dem scharfsichtigen Menschenkenner täglich klar werden müßte, daß eben die verschiedensten Naturen einander mit der innigsten Liebe zu umfassen vermögen, während die allzu übereinstimmenden sich unwillkürlich von einander abgestoßen fühlen.


So wie die Freundschaft die beiden jugendlichen Herzen enge verknüpft hatte, so waren sie von verwandtschaftlichen Banden fest umschlungen und vereinten sich noch unauflöslicher in der tiefen Verehrung, in der unbegrenzten Anhänglichkeit an die edle Frau, die den frühe Verwaisten Großmutter und Mutter zugleich war, und in dem heitern Sinne, welcher von den Enkelinnen ausging, die eigene Jugend wiederfand. Nicht immer hatte Frau von Detmund eine so wohlthuende Ruhe genossen, wie sie das eben entworfene Gemälde und das verklärende Lächeln ausspricht, das ihre Züge erhellt, wenn ihr Auge auf den beiden Lieblingen weilt, die sich so sichtbar bestreben, der theuern Großmutter behülfich und gefällig zu sein, Ein Leben, reich an Schmerz und bitter empfundenen Entbehrungen, war ihr langsam und trübe an der Seite eines ungeliebten Gatten dahin geschwunden, den nicht eigene Wahl, den fremder Wille ihr gegeben hatte, und dem nur die eiserne Pflicht angehörte, während ihr Herz einem jungen Freunde folgte, von welchem ungerechte Gewalt sie getrennt hatte, und der von seiner hoffnungslosen Liebe durch Länder und über Meere getrieben ward. Mit dem Gefühle eines unstillbaren Heimwehs an einen Mann gefesselt, dessen gemüthlicher Sinn in einem abgezogenen Geschäftsleben längst untergegangen war, der für hohe Weiblichkeit wenig empfänglich, die Frau nur als die oberste Dienerin seines Hauses ansah, und wenn sie für Wäsche, Kleidung und den Bestand seines Hauswesens gesorgt hatte, weiter Nichts von ihr verlangte, noch viel weniger geneigt war, ihr etwas Besseres zu geben, als den Namen seiner Gattin und der Mutter seiner Kinder, vermochte Frau von Detmund in den ersten Jahren ihrer Ehe nur mit dumpfer Ergebenheit ihr Leben fortzuschleppen, und oft und sehnsuchtsvoll suchten die flüchtigen Gedanken, den trennenden Raum schnell durcheilend, den Geliebten ihrer Jugend auf, und mit seinem Bilde traten auch die Träume einer glücklichen Liebe aus dem Dunkel der Vergangenheit hervor. Erst als die Mutterliebe ihr Recht geltend machte, als ein Sohn und später noch zwei Töchter Ansprüche an ihre Sorge und Thätigkeit zu machen begannen, erst da entfaltete sich aufs Neue die Blüthe der innigsten Liebe, die, wenn auch unverstanden und zurückgedrängt, dennoch in des Weibes Brust nie erstickt und aus Mangel an mündigen Gegenständen derselben so oft auf Unmündige übergetragen wird. Mit leidenschaftlicher Hingebung weihte sie sich den kleinen Wesen, die in ihr allein die Zärtlichkeit fanden, welche sonst dem Vater- wie dem Mutterherzen eigen ist, die aber Herr von Detmund, dessen Trockenheit sich auch auf dieses Verhältniß ausdehnte, nicht zu empfinden schien. Die Stelle, die früher in ihrer Brust dem Festhalten an theure Erinnerungen, dem Andenken eines geliebten Geschiedenen gewidmet war, wurde nun ganz von dem mächtigen Gefühle eingenommen, das nie altert, nie sich schwächt, das Zeit und Raum, das Tod und Grab überlebt und das also unwidersprechlich einem bessern Dasein angehört. Das Bild ihrer zerstörten Hoffnungen trat allmälig in den Hintergrund; stiller und immer stiller ward es in ihrem Herzen, das Gefühl, das der Mutterliebe unausgesetzt zur Seite schreitet, der schöne Glaube, die herrlichen Hoffnungen, welche die Religion uns gibt, und ohne welche des Weibes Seele sich nicht ganz und unbedingt ihren schweren Pflichten hinzugeben vermag, bemächtigte sich ihres ganzen Wesens; in dem frohen Kreise ihrer Kinder, unter ihren zärtlichen Liebkosungen, bei der Freude an ihrer Entwicklung fühlte sie nicht mehr, daß der höchste Zauber des Glückes ihrem Leben gefehlt hatte, und selbst die Gleichgültigkeit oder vielmehr die Abneigung gegen ihren Gatten wandelte sich in Wohlwollen um, denn er war ja der Vater der süßen Geschöpfe, in denen sie ihr einziges Glück fand.


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