Excerpt for Going SLIGHTLY mad by Sabine Kurz, available in its entirety at Smashwords

Going SLIGHTLY mad

Sabine kurz


Published by Sabine Kurz at Smashwords



Copyright 2011 Sabine Kurz


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Prolog


Mein Leben endete am 17. September 2006, ohne sich vorher von mir verabschiedet zu haben. Das Ende kam plötzlich, ohne jede Vorwarnung. Ich saß auf meinem Bett, hörte Musik, wippte im Rhythmus vor und zurück. Manche Passagen summte ich mit, bis die Stimme des Sängers wieder in unerreichbare Tiefen herab wanderte.

Ich hatte das Fenster geöffnet, um etwas kühlen Wind abzubekommen, es war für Mitte September noch recht warm.

Mitten im Lied kam der Knall. Dieses furchtbare Geräusch habe ich nie vergessen, obwohl ich es versuche. Immer noch wache ich nachts manchmal auf, geweckt vom Geräusch quietschender Bremsen und knirschendem Metall, aus meinem Gedächtnis unbewusst heraufbeschworen.



Sie war sofort tot, zerquetscht im Auto ihrer Tante. Zermatscht. Die Knochen zermalmt. Angekokelt von Flammen. Sie starb, ohne etwas vom Leben gewusst zu haben, ohne Erfahrungen sammeln zu können, ohne richtig gelebt zu haben, ohne...

Sie war meine Schwester.



Drei Tage später war die Beerdigung. Ich ging nicht hin. Ich konnte es einfach nicht, ich wollte sie so in Erinnerung behalten, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Ich wollte nicht die mitleidigen Blicke, die mir in den letzten Tagen schon so oft zugeworfen worden waren. Ich wollte es alles nicht. Ich verkroch mich in meinem Zimmer, kauerte mich unter der Bettdecke zusammen und schlief. Ich verschlief die Beerdigung.

Während der Körper meiner Schwester, nur geschützt durch eine kleine Holzkiste, in die kalte feuchte Friedhofserde hinab gelassen wurde, wanderte ich durch dunkle Gänge, floh vor dem Geräusch quietschender Bremsen, rannte um mein Leben, sah vermoderte kleine Kinderhände, die sich Hilfe suchend zu mir empor streckten, ohne dass ich sie berühren konnte. Und ich rannte weiter, versuchte, die Hände zu ignorieren, wollte sie vergessen, um mich selbst retten zu können. Und dann kamen die Schreie: Hilferufe aus Kinderkehlen, schon heiser vom lauten Schreien. Sie riefen um Hilfe, es klang schauerlich und ich konnte nicht anders, ich wollte ihnen helfen, sie befreien. Ich hörte auf zu laufen, blieb keuchend stehen, und kniete mich keuchend auf den kalten Steinboden nieder. Vor mir wuchs eine Hand aus dem Boden, die noch lebendig aussah, nicht so verwest und vermodert wie all die anderen. Von hier aus hörte ich keine Hilferufe – oder hörte ich sie doch und gingen sie nur in dem Chor der Kinderstimmen unter? Ich ekelte mich davor, die Hand anzufassen, aber jetzt wurde es immer lauter, sie riefen „Hilf uns, Jana, hilf uns doch“, und ich wurde immer verzweifelter, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte. Die Erde vor mir brach auf, zwischen großen und kleinen Erdklumpen kam eine weitere Hand hervor, die eindeutig zu der anderen gehörte. Jetzt endlich konnte ich nicht anders, ich ergriff die Hände, deren Finger sich um meine Handgelenke schlossen und mich so festhielten, wie ich sie festhielt – und plötzlich hörten die Stimmen auf zu rufen, eine unheimliche Stille machte sich breit; das Einzige, was ich noch hörte, war mein eigenes keuchendes Atmen. Ich zog an den Händen, wollte den ganzen Körper aus der Erde ziehen, aber jetzt hing auf einmal ein Gewicht an den Händen, das mich selbst nach unten zog. Die Finger um meine Handgelenke wurden schlaff, aber ich hielt sie weiterhin fest. Ich schwitzte, die Luft um mich herum wurde immer wärmer, aber ich hielt sie weiterhin fest. Eine Stimme rief „Lass mich los“, aber ich hielt sie weiterhin fest. Meine Hände waren schweißnass, immer wieder rutschte eine der Kinderhände ein Stück nach unten, bis ich sie erneut fest packte. Und plötzlich vergrößerte sich das Gewicht, und ich konnte ihm nicht mehr standhalten. Ich ließ los – und dann hörte ich es wieder, das Geräusch quietschender Bremsen, das Bersten von Metall, das Knistern von kleinen züngelnden Flammen. Ich rappelte mich auf und taumelte den Gang entlang, mich an den kalten Wänden abstützend, weg von den Händen, obwohl ich nicht wusste, aus welcher Richtung ich gekommen war. Je weiter ich von diesem Ort des Schreckens wegkam, desto schneller konnte ich laufen. Ich rannte weg von den Stimmen, die wieder angefangen hatten zu rufen; Stimmen, die schrien, ich solle bleiben und ihnen helfen. Sie brauchten mich, ich war die einzige Hoffnung für sie, die einzige Person, die da war, die ihnen helfen hätte können. Aber ich rannte, rannte, rannte...


Irgendwann wachte ich auf, schweißgebadet, nach Luft ringend. Machte das Fenster auf. Und sah den Regen, dessen Geräusch ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Denselben Regen, der jetzt die Erde zu einem zähen Schlamm verwandelte, um meine Schwester in ihrer dunklen Holzkiste zu ertränken. Jeder einzelne Tropfen, jedes einzelne Wassermolekül schnitt mir in die Seele, riss ein Stück meines Herzens heraus. Der Regen war wie Säure, die meine Haut durchdrang. Mir wurde schwindlig, geplagt von der Vorstellung eines nassen Sarges, durch welchen langsam Wasser drang und sachte auf sie, meine Schwester, herabtropfte.

Halt suchend legte ich meine Hände auf das Fensterbrett- und zog sie reflexartig zurück, als mich ein scharfer Schmerz durchfuhr, ausgehend von dem Reißnagel, der in meiner rechten Handfläche steckte. Und obwohl es weh tat, verhieß der Schmerz gleichzeitig Erlösung von diesen Bildern in meinem Kopf. Der äußere übertönte den inneren, viel schlimmeren Schmerz für einen Moment. Ein kurzer Augenblick Ruhe, nur einen Atemzug lang, aber doch lange genug zum Durchatmen.

So hat es angefangen...

ERSTER TEIL



1. Das Schwert


Jana ist siebzehn


Mein Messer in der Hand wird zu einem Schwert. Einem spitzen, langen, scharfen Schwert, das mühelos die Haut durchschneidet. Das tiefer dringt. Das durch Muskeln und Sehnen seinen Weg fortsetzt. Das manchmal kurz stockt, um dann ganz langsam und bedächtig weiterzuarbeiten. Oh ja, es ist eine Arbeit, Schweißtropfen fallen auf das Messer, das ein Schwert ist; Tränen benetzen die wunde Haut. Und das Schwert schneidet weiter, immer weiter. Weiter. Durch Fleisch. Mein Fleisch.

Blutstropfen fallen als Perlen zu Boden. Der Teppich ist schon ganz rot. Blutrot. Voll von Tränen. Und Blut. Eine tolle Mischung.

Grausam? Ja, vielleicht. Aber es ist mein Körper, ich kann damit machen, was ich will. Ja. Ja? Jaaa!

Jetzt macht das Schwert den letzten Schnitt...

Und setzt an einer neuen Stelle an. Weiter oben. Nur ein paar Zentimeter weiter. Wieder wird das Messer zu einem Schwert; die Hand steckt in einem Handschuh, einem aus Eisen. Bei jeder Bewegung knarrt er. Und weitere Blutstränen machen weitere Flecken. Logisch. Der Schnitt wird breiter. Das Schwert stockt. Ist es zu weit gegangen? Fragend zittert es in meiner Hand. Als ob es den Kopf schütteln wollte. Und immer mehr Blut fällt hinab. Wie ein Wasserfall. Ein roter Wasserfall. Wasser mit Lebensmittelfarbe. Ohne Konservierungsstoffe. Der Wasserfall wird unten zu einem Fluss. Einem großen, reißenden Fluss. Verängstigt schaut das Schwert zu mir hinauf. Es kennt meine Befehle. Aber es ist unsicher. Ich merke es an seinem Zittern. In meiner Hand. Es wackelt. Vibriert. Die Haut um den Schnitt verfärbt sich. Eine Art Blau. Bläulich.

Aber ich entscheide. Und das Schwert macht weiter. Langsam und zögerlich, aber es schneidet.

An einer neuen Stelle. Drei Zentimeter weiter oben. Dort ist noch nichts. Unten drunter ist eine Treppe. Eine Treppe aus Blut. An den Stufen steht die Haut etwas nach oben. Wie eine Beule. Nach einem Unfall. (Nicht an sie denken, nicht an sie denken!) Aber das ist kein Unfall. Das ist die Ausführung eines Befehls. So ist das eben.

Und das Schwert schneidet weiter, ohne Unterbrechung. Immer weiter. Die Spitze senkt sich erneut auf die kalte, feuchte Haut hinunter. Zuerst gibt sie nach, aber irgendwann reißt sie. Ich habe gewonnen. Das Messer will auf die andere Seite. Die Haut versperrt zuerst den Weg, aber wir sind stärker. Das Schwert und ich. Ich?

Ich bin seine Herrin, seine Oberbefehlshaberin. Ich bin seine Meisterin. Eine Meisterin des Blutes. Des Schmerzes. Der Qual. Und der Freude. Und des Vergessens. (Ja, ich will alles vergessen, was einmal war und was jetzt ist, will nicht mehr diese Bilder in meinem Kopf sehen, die mich zittern lassen und zum Schreien bringen!)

Und mein Messer wird zu einem Schwert. Zerschneidet alles. Alles. Dich und mich. Alle und alles, was ihm in die Quere kommt. Aber es ist loyal. Ich bin seine Freundin.

Und es schneidet weiter. Ich weiß genau, wie es weitergeht. Zuerst der Schnitt, dann nichts, dann der Schmerz, und dann, wie von weit weg, wieder die Qual. Innerlich, seelisch kaum auszuhalten. Das arme Schwert. Aber es erträgt die Schmerzen für mich. Es nimmt alles auf sich. Mein Freund.

Die Treppe ist fertig gebaut. Es riecht noch nach Farbe. Roter Farbe. Ein kräftiges blutrot. Mit braun-roten Treppenläufern. Wie getrocknetes Blut.

Das Messer ist erschöpft. Es muss ein Bad nehmen. Damit die Farbe wieder weggeht. Damit es morgen wieder seiner normalen Arbeit nachgehen kann. Da schneidet es Brot. Wie Fleisch. Wurst wie Knochen. Salami wie Haut. Nur das Rot wird fehlen. Ein blutiges Rot.


Ich sehe hinunter auf mein Werk. Die Treppe sieht gut aus. Nur die eine Stufe gefällt mir nicht. Die dritte von oben. Sie ist zu klein. Da bleibt man hängen. (Jemanden aufhängen, vielleicht mich? Ich hätte es verdient.) Ich muss die Schwelle verändern. Das Messer springt mir in die Hand. Frisch gewaschen. Wie neu.

Und wieder wird es zu einem Schwert. Das Schwert ist plötzlich anders. Irgendwie ... anders. Es will Blut. Mein Blut. Es ist blutrünstig. Lüstern. Ich will es stoppen, aber da schneidet es mir in den Finger. Aua! Ein anderer Schmerz als der, den ich mir willentlich zufüge. Er geht nicht so tief, aber er tut mehr weh. Was soll ich machen, ich weiß es nicht, vielleicht abwarten, vielleicht beruhigt es sich noch. Vielleicht. Aber es schneidet weiter und weiter, tiefer und tiefer. Ein Geländer zu der Treppe. Es hat eine Wasserader entdeckt. Wie eine Wünschelrute. Das Wasser sprudelt nur so aus dem Loch. Nein, kein Loch, ein Tal - eine Schlucht. Das Wasser gluckert vor sich hin und sprudelt. Das Messer macht weiter. Und es kommt noch mehr Wasser.

Das Wasser ist kein Wasser. Es ist irgendwie rot... blutrot... Blut!


Ich falle in den Nebel, er ist weiß, endlich mal kein Rot; kleine blaue Sterne am Horizont. Es klopft. Wo? Ich weiß es nicht. Ich will, dass es aufhört. Stop! Aber es hört nicht auf. Ja, es macht sogar weiter ... immer weiter. Es klopft. Wie ein Herzschlag. Nur nicht so regelmäßig. Dann kommt da eine Stimme. Seit wann kann mein Messer schreien? Aber sein Mund ist geschlossen. Es schläft, satt vom Blut. Ich bin auch müde, möchte mich wie mein Messer hinlegen, weiter in den Nebel gleiten... Aber wie soll ich das können, wenn dieses nervende Klopfen nicht aufhört.

Klopf, klopf, klopf.

Oder

tock, tock, tock...

Schrecklich. Ich will dem Klopfen sagen, dass es aufhören soll, aber mein Mund ist so trocken, meine Zunge klebt am Gaumen fest. Ich will rufen, aber die Müdigkeit gewinnt. Mein Kampf ist verloren. Meine erste Niederlage. Mein Kopf sinkt nach unten. Oder oben? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr. Wer bin ich? Keine Ahnung. Alles ist weg, das Messer hat es weggeschnitten. Ich bin ja so müde. Ich glaube, ich schlafe. Aber dann könnte ich ja nicht denken. Oder doch? Ich...

...

Bumm. Es klang wie eine Explosion. Und jetzt folgt die Sirene. Aber seit wann klingen Sirenen so menschlich?! Ich glaube, es brennt. Es ist ganz heiß hier. Ich brauche Wasser, zum Löschen, irgendetwas, um die Hitze zu vertreiben… aber da wird es schon nass. Und kühl. Nein, kein Blut. Blut ist warm.

...

Ein Mann ruft etwas. Ich bin zu müde, um alles zu verstehen. Nur Wortfetzen, wie von einem Schwert zerteilt, kommen bei mir an.

...sie mussten die Tür aufbrechen, sie hatte sich eingeschlossen...“

..jetzt kümmert sich doch mal jemand um die arme Mutter...“

...Tränen...“

...viel Blut verloren...“

Blut? Wer hat Blut verloren? Doch nicht ich? Oder doch? Ach ja, das falsche Schwert...

...

Ein dunkler Gang. Ich sehe nichts. Taste mich an den Wänden entlang. Sie sind feucht und glitschig. Eklig. Ich gehe weiter und weiter, meine Beine werden müde, aber ich muss einfach weiter. Woher ich das weiß? Keine Ahnung. Aber ich muss weiter... weiter... weiter...

...

...schau dir diese Schnitte an. Das Mädchen hat es ja ganz schön übertrieben... so tief... wenn die Eltern nicht die Polizei gerufen hätten...“

Was mag so ein junges Ding wohl dazu bringen, so etwas zu tun? Das ist doch krank...“

Aber sie sieht doch ganz normal aus...“

...

Der nicht endende Gang macht eine Biegung, ich taumele weiter, stütze mich an der Wand ab, bin froh, nicht zu sehen, was ich da alles berühre, aber ich muss weiter…

Da - in der Ferne, weit, weit weg, wird es heller! Die Rettung. Vorhin war ich mir nicht sicher, aber jetzt weiß ich es, ich will gerettet werden, und ich merke, dass ich dieses Licht erreichen muss, auch wenn ich nicht weiß, was da kommt. Ich schwanke weiter, komm Jana, einfach einen Fuß vor den anderen, aber ich kann nicht mehr, stürze zu Boden, krieche, krabbele wie ein Kleinkind auf das ferne Licht zu, aber es entfernt sich immer weiter, ich werde es nie mehr erreichen können, und es geht weg, flieht vor mir… und mein Gesicht sinkt auf den nassen kalten Steinboden…

...

Jana! Jana, hörst du mich?“

Bin ich Jana? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich... Oh Mann, könnten die mal aufhören zu schreien... ich will weiterschlafen...schlafen... mich davon tragen lassen, weg von hier...

Jana! Du musst jetzt aufwachen! Mach einfach die Augen auf!“

Wenn das so einfach wäre. Auch wenn ich wollte, würden sich meine Augenlider keinen Millimeter vom Fleck bewegen. Sie sind fest, wie angewachsen... was?! Wie angewachsen?! Ich glaube, ich bin verrückt... Also wirklich. Ich bin aber auch einfach zu müde, um weiter zu denken...

Jana!“ Die Stimme wird lauter, eindringlicher.

Hallo!“ ,will ich rufen. „Ich will doch aufstehen! Helft mir doch!“ Aber meine Zunge ist wie gelähmt. Nein, nicht wie angewachsen. Na ja, das natürlich auch, aber… ach, egal.

Jana!“

Ich habe gesagt, du sollst still sein!

Jana, hör mir zu! Wenn du mich verstehst, drückst du einfach meine Hand, ok?“

Das ist leichter gesagt, als getan. Ich strenge mich an, ich will, muss diese Hand drücken, die ich wie aus weiter Ferne fühle, wie einen Lufthauch, der sich nur an meiner Hand fühlen lässt, und nicht wie eine Hand aus Fleisch und Blut – da ist schon wieder das Wort Blut, Blut, Blut, BLUT, rotes Blut, schönes Blut, grässliches Blut, die Erinnerung an das, was ich getan habe, kommt zurück, ich denke daran, warum ich es getan habe und es kommen Zweifel: Will ich das überhaupt? Will ich aufwachen? Es wäre doch viel schöner, hier liegen zu bleiben, ohne gestört zu werden, ohne essen und trinken zu müssen, ohne Stress, ohne Gefühle, ja, ohne Gefühle, das wäre schön, keine Liebe mehr, die in Hass umschlagen kann, kein Hass, der irgendwann kein Hass mehr ist, keine Lügen, Streitereien, Gewissensbisse...


Ich denke an meine Eltern und bin entschlossen, liegen zu bleiben, ich will sie nicht wieder sehen, ich will nicht aufwachen. Und dann sehe ich wieder den Gang vor mir, immer noch modrig und feucht, und ich lasse mich auf das Licht zu treiben, das ich vorhin nicht erreichen konnte, aber diesmal habe ich Kraft getankt, ich fühle mich stark genug, den Weg auf mich zu nehmen. Diesmal ist es leichter, als ob mich nichts mehr zurückhält, ich kann einfach zu dem Licht laufen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich laufe, denn ich fühle mich nicht so, ich sehe meine Beine nicht, ich sehe überhaupt nichts, das Licht ist das einzige, was ich sehe, aber es ist kein Licht, das Helligkeit ausstrahlt. Das bemerke ich erst jetzt. Ich bleibe stehen. Wenn ich mich umdrehe, ist dort nur Dunkelheit, wenn ich an die Seite schaue, ist dort Dunkelheit, nur weit entfernt vor mir ist das Licht, das ohne jedes Flackern brennt. Es brennt ja auch eigentlich nicht, man sieht keine Flammen, es ist einfach da, eine schwebende Kugel voller hellem Licht, das in dieser Kugel gefangen ist, denn keine Strahlen dringen auf den Boden unter ihr. Jetzt, wenn ich es mir genauer anschaue, sehe ich, dass das Licht nicht einladend und warm ist, wie ich zuerst gedacht hatte, nein, es ist kalt und abweisend. Ich bin mir nicht mehr wirklich sicher, ob ich immer noch dorthin will. Und je länger ich das Licht anschaue, desto abweisender wirkt es. Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich weiß es einfach nicht, was soll ich wählen, das Licht oder das Leben, denn plötzlich weiß ich, zwischen was ich wählen muss – ich setze mich auf den kalten, glitschigen Boden, dessen Kälte durch meine Kleider dringt, und denke nach, versuche den Entschluss möglichst weit nach hinten zu verschieben.

Ich sitze im Gang und denke nach. Leben oder Licht, Licht oder Leben, LichtLeben, LebenLicht, was soll ich wählen?


Ich sitze so lange still im Tunnel, bis ich vor Kälte zittere. Die Zeit vergeht, läuft in Wellen an mir vorüber, umfängt mich, streichelt mich. Ich atme tief durch. Dann habe ich mich entschieden. Ich stehe auf, klopfe mir den Staub von den Kleidern und gehe los.


Jetzt, nachdem ich mich entschieden habe, fühle ich mich stark, unbesiegbar, ich kann es mit allem aufnehmen, was mich an meinem Zielort erwarten wird. Ich bin vollkommen entspannt, fast fröhlich, eine Last ist von mir genommen, meine Sorgen sind verschwunden. Ich hüpfe, springe, tanze im Gang, der mir plötzlich viel freundlicher und heller erscheint, aber ich verliere nie mein Ziel aus den Augen, ich bin bald da, ich weiß es.


Ich bin bald da.

Gleich.


An meinem Ziel steht ein Bett, es sieht weich und warm aus. Ich lege mich unter die kuscheligen Decken und schließe die Augen. Ich fühle, wie ich davon treibe...

Ich schlafe.

Zwischenspiel


Als sie endlich, nach langem, tiefem Schlaf, erwachte, fielen ihr zuerst die Farben auf. Dieser krasse Gegensatz zum grau-schwarzen Tunnel, durch den sie gewandert war. Alles hier war weiß, nur die hellblauen Vorhänge stachen heraus. Außer dem Bett, indem sie lag, dem Nachttisch daneben und einem Schrank neben der Tür war das Zimmer leer.

Sie fühlte sich schlapp und erschöpft, als wäre sie wirklich durch lange Gänge gerannt, und nicht schlafend in einem Bett gelegen. Sie sah alles nur leicht verschwommen, jemand musste ihr die Kontaktlinsen herausgenommen haben. Suchend schaute sie sich um und entdeckte ihre alte Brille, die sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr trug, gleich neben sich auf dem Nachttisch. Doch als sie gerade danach greifen wollte, blickte sie auf ihren Arm und bemerkte den weißen Verband, der sich vom Handgelenk bis hin zum Ellenbogen wie eine Schlange wand. Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn betrachtete. Bevor sie sich weitere Gedanken darüber machen konnte, klopfte es. Erschreckt zuckte sie zusammen und ließ sich dann schnell zurück in die Kissen sinken und schloss die Augen. Sie hatte nicht vor, jetzt mit irgendjemandem, egal wem, zu sprechen. Worüber auch.

Jana, bist du wach?“

Lasst mich in Ruhe! Ich drehe mich auf die Seite, weg von der Tür. Ich drehe mich weg...

Oh Mann, bin ich blöd! Sie hat mich gefragt, ob ich wach bin! Das heißt, sie hat gedacht, ich schlafe... und ich bin so bescheuert, und drehe mich um. Mit meiner Ruhe ist jetzt ja wohl vorbei...

Jana! Ich möchte mit dir reden. Es ist wichtig. Bitte.“

Sei still! Ich habe keine Lust! Schritte gehen weg, eine Tür fällt zu. Und es ist wieder still. Still genug, um zu denken. Nachzudenken. Zum Beispiel darüber, warum ich hier bin. Wer all diese Leute sind und was sie von mir wollen. Und warum ich diesen weißen Verband trage. An meiner linken Hand. Langsam beginne ich zu begreifen, dass ich nicht weiß, was passiert ist. Ich habe keine Ahnung. Meine Erinnerung wurde gelöscht. Ich denke nach. Was weiß ich über mich? Was weiß ich über meine Familie. Zu viel. Weiter. Wie steht es mit Hobbys, Freunden,... Alles da. Welches Datum haben wir heute, welchen Wochentag? Keine Ahnung. Welches Jahr? Welcher Monat? Januar 2007. Und sonst??? Nichts da, ich kann mich nicht erinnern, was ich vor ein paar Tagen, vor einer Woche gemacht habe. Da ist nichts, NICHTS! Ich weiß es einfach nicht. Es ist wie ein weißer Fleck auf einem Kreuzworträtsel und man braucht diese Angaben, um die Lösung heraus zu bekommen.

Ich denke angestrengt nach, ich spüre, das ich es wissen muss, es wissen müsste, und ich weiß, dass sich meine Stirn jetzt in Falten legt, genau wie bei meinem Erzeuger, den ich vergessen will – na ja, jetzt habe ich ja einiges vergessen, bestimmt wurden auch Erinnerungen über ihn gelöscht, hoffentlich, aber ich will wissen, was war, und was jetzt ist, was mit mir los ist, warum ich hier bin und nicht zu Hause und warum ich diesen Verband trage und...


~~-+-~~


Nachdem ich den Klebestreifen gelöst habe, wickle ich jetzt vorsichtig den Verband ab. Er ist ganz sorgfältig immer im gleichen Muster um meinen Arm gewunden worden. Das weiße Knäuel in meiner Hand wird immer größer, langsam erkenne ich rotbraune Flecken auf dem verbleibenden Weiß. Und je mehr ich abwickle, desto größer werden sie. Wie kommen sie dahin? Hatte ich einen Unfall? Aber dann wären sie bestimmt nicht so regelmäßig. Jetzt... noch ein kleines Stück... Der Verband in meiner Hand ist an vielen Stellen ganz braun, manchmal mit einem Stich ins Rote. Fasziniert muss ich einfach dieses Rot betrachten. Es ist so unregelmäßig und doch beruhigend. Ich mag diese Farbe. Nein, ich liebe sie. Am liebsten würde ich mein ganzes Zimmer damit streichen. Rot. Rubinrot. Magentarot. Purpurrot. Blutrot. Langsam lass ich meinen Blick zur Quelle dieser Farbe wandern. Ich höre Schritte, aber was geht mich das an... Dann sehe ich es.

Und plötzlich ist die Erinnerung wieder da. Bilder blitzen wie ein Feuer in meinem Kopf auf, verblassen langsam, ein Echo bleibt, hallt nach, bis immer neue Bilder kommen, aufblitzen. Dann wird alles schwarz und ich versinke im bodenlosen Ozean der Bewusstlosigkeit.


~~-+-~~


Jana ist siebzehn


Mein Heft liegt noch immer auf dem Tisch, unberührt. Ganz vergessen liegt es da. Ich sitze davor, auf dem Schreibtischstuhl, der quietscht, sobald man sich bewegt. Ich blinzle, meine Augen, die kurz in unendliche Fernen geschaut haben, fokussieren sich auf das Heft, schon wieder. Draußen zwitschert ein Vogel. Eine Amsel? Ich habe mich mit Vögeln noch nie ausgekannt. Ist ja auch egal. Es ist Herbst. Bald müssen auch die letzten Vögel in den Süden geflogen sein. Müssten sie das nicht schon längst getan haben? Warum denke ich jetzt an Vögel? Wieder ein Blick auf das Heft, nein, es geht nicht, ich stehe auf, mein Kopf ist ganz wirr, aber ich weiß nicht, warum. Ich schaue mich in meinem Zimmer um. Alles ist dort, wo es sein sollte, der Stapel voll mit Sachen, die ich vor Wochen schon einsortieren wollte, auf meinem Kopfkissen, wenn ich mich vor den Tisch setzte, wird der Stapel umgesetzt. So mache ich das immer. Warum? Warum räume ich das heute nicht endlich einmal auf? Ich nehme die Zeitschrift ganz oben in die Hand, schaue sie an, aber sehe sie nicht, ich fühle sie, aber es ist so unwirklich wie der Rest des Zimmers. Alles sieht aus wie immer, und doch irgendwie nicht. Ich kann nicht sagen, was sich verändert hat, aber es ist nicht wie sonst. Es dauert, bis ich den Titel der Zeitschrift erkenne. Da werde ich wohl nicht mehr reinschauen, also ab damit in den Ordner voll Zeitschriften, die dort warten und warten, und wohl doch niemals herausgenommen werden. Aber vielleicht will ich sie später einmal, irgendwann später nochmal anschauen. Immer später. Ich verschiebe immer alles auf später. Meistens klappt es. Ich schreibe gerade wie Kafka, der macht auch nie einen Absatz, das ist schwer zu lesen, aber egal. Egal. Die Zeitschrift ist wieder vergessen, der Stapel auch, ich stelle mich ans Fenster, schaue hinaus, die Sonne scheint, aber es ist kalt, obwohl es warm aussieht. Ich spüre die kühle Glasscheibe an meiner Wange und lehne mich dagegen. Ich lehne mich immer gegen etwas. Egal wo, ob an der Straßenbahnhaltestelle, an einer Wand, an einen Schrank. Ich zittere. Nein, kein Zittern, eher ein Schauer, der mir über den Rücken kriecht. Das ist immer der Anfang. An meinen Wangenknochen bildet sich Gänsehaut. Ein unangenehmes Gefühl, und doch so vertraut. Noch ein Schauer, und noch einer. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Ich sinke am Fenster auf den Boden, Knie angezogen, Arme umschlingen meine Beine, ich schaue nach draußen, in die Außenwelt. Ich sehe nur durch die Holzstäbe meines Balkons, und es scheint eine Metapher meines Lebens zu sein. Alles zu sehen, aber kein Teil des anderen zu sein. Obwohl ich daran selbst schuld bin. Egal, ich krümme mich unter meinen Gedanken, die zu schnell sind, um sie richtig zu denken. Meine Gedanken fliegen in alle Richtungen, sie zerren mich auseinander, ich kann nicht richtig atmen, etwas drückt meine Lungen zusammen, mein Atem geht schneller und schneller, immer flacher, ruhig, denke ich, ruhig, aber ich habe keine Kontrolle mehr. Ich weiß nicht, warum ich mich gerade so traurig fühle, eben war alles noch ok, warum gerade jetzt, das Heft liegt noch immer auf dem Tisch. Ich fühle mich eigentlich nicht traurig, nur nicht fröhlich, eigentlich sind da kaum Gefühle, aber auch keine Leere, es ist so ein egal-Zustand, in dem ich bleiben kann, aber der mir nicht hilft, der alles nur schlimmer macht. Meine Fingernägel krallen sich in meine Knie, doch das hilft kaum, es reicht nicht, mich aus dem tiefen Wasser zu ziehen. Ich bin unruhig, und doch bleibe ich sitzen, ich weiß nicht, ob ich stehen könnte, und doch weiß ich, dass es bestimmt gehen würde, wenn ich nur wollte. Aber ich will nicht. Ich glaube, tief in mir drinnen genieße ich es. Und das macht mir Angst.


~~-+-~~


Irgendwann später kam eine junge Polizistin zu mir herein. Ihr Kollege blieb draußen vor der Glasscheibe und unterhielt sich mit einem Arzt.

Hallo Frau Jansen“, begrüßte sie mich mit einem Lächeln. „Wie geht es Ihnen denn?“

Ungläubig sah ich sie an. Wie es mir geht?! Na, wie soll’s einem denn gehen, wenn man in einem so weißen Zimmer liegen muss, dass man denkt, im Himmel zu sein? Wenn man sich nicht sicher ist, warum man das getan hat, was man getan hat. Wenn im Arm eine Nadel steckt, durch die ohne Unterbrechung eine Flüssigkeit läuft, die man nicht kennt, die genauso gut Gift sein könnte. So fühlte sich mein Unterarm langsam auch an.

Ich schwieg, sah sie nur an. Sie ließ sich nicht verunsichern. Schade eigentlich.

Na, ich hoffe mal, es geht Ihnen besser.“

Sie lächelte immer noch. Ich fürchte, das wird ein sehr einseitiges Gespräch für dich. Aber vielleicht mag sie Monologe ja. Wenn sie schon so blöd ist, mich zu siezen...

Frau Jansen, ich muss Sie jetzt ein paar Dinge fragen. Das machen wir immer, wenn sich jemand umbringen wollte...“

Ich wollte mich nicht umbringen!“ Mein Schweigen war gebrochen, aber ich bereute es schon wieder.

Ok, vielleicht hätte ich es anders ausdrücken sollen, sorry. Aber egal, auf jeden Fall wollte ich, weil Sie Ihrem Leben ein Ende setzen wolltest, ein paar...“

Sie verstehen nicht! Es war ein Unfall!“

Sie wurde etwas verunsichert, das merkte man ihr an, ihr Blick schnellte ein paar Mal zur Tür, hinter der ihr Kollege jetzt ohne Arzt stand und zu uns schaute.

Äh... also... Wurden Sie irgendwie misshandelt? Sexuell missbraucht? Das soll jetzt keine Unterstellung sein, aber...“

Ich unterbrach sie.

Nein.“ Ein Wort. Mein letztes Wort in diesem Gespräch. Sie versuchte noch ein paar mal, eine Antwort von mir zu bekommen, aber sie bekam keine. Irgendwann gab sie es auf und verabschiedete sich mit einem gequälten Lächeln. Und tschüss.



  1. Dr. Meisner


Wie geht es dir?“

Er sitzt mir gegenüber, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und schaut mich mit diesem stechenden Blick an. Ich glaube, er will väterlich wirken, deswegen hat er wohl auch gefragt, ob er mich duzen darf. ich aber bemerke nur diese Augen, die mich so abschätzend anstarren. Ich weiche seinem Blick aus. Egal, als was er das jetzt interpretiert, aber ich kann ihn einfach nicht mehr anschauen.

Ich habe dich etwas gefragt, Jana.“

Warum soll ich antworten, ich wüsste sowieso nicht, was. Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Es ist ein altes Gebäude, der Fensterrahmen ist aus weißem Holz, am oberen Rand des Fensters ist eine kleine Engelsfigur eingeschnitzt. Er schaut auf mich herab, als ob er mich auslachen würde. Er ist da oben, in Sicherheit, kann fliegen, wohin er will, und ich muss hier sitzen, obwohl ich viel lieber mit ihm um die Wette fliegen würde.

Es ist ruhig auf dem kleinen Innenhof der Klinik, niemand ist zu sehen. Die paar einzelnen verkrümmten Bäume, die bisher noch nie jemandem Schatten gespendet haben, sehen jetzt im Winter wie kleine Gerippe aus. Hager, dürr, gespenstisch. Sie erinnern mich an etwas, das ich vergessen habe. Ich komme einfach nicht darauf. Vielleicht liegt das auch an ihm, dem Mann mir gegenüber.

Es ist alles still. Er schweigt, ich schweige. Noch nicht einmal ein Vogel ist zu hören. Nur diese Stille. Kennst du das Gefühl, wenn du glaubst, die Stille hören zu können? Ich kenne es sehr gut. Man kann sie auch hören, wenn man an einer schwer befahrenen Autobahn steht, Musik hört oder einen Film schaut. Die Stille ist immer da. Man kann sie fühlen, schmecken, riechen, hören. Und sehen. Sie ist schwarz. Nein, nicht wirklich schwarz, dunkler als schwarz. Ohne einen Strahl Licht. Vollkommen dunkel. Das Dunkel.

Noch einmal fragt er mich: „Wie geht es dir?“

Ich schaue weiter aus dem Fenster, widerstehe dem Drang, ihn anzuschauen. Ich möchte ihn anschreien, ihn anbrüllen, für seine Dummheit, dass er nicht weiß, wie es mir geht. Niemand weiß das. Sie glauben es nur alle zu wissen. Er schaut mich jetzt bestimmt an, wartet auf eine Reaktion, die mich verraten würde. Keine Chance. So einfach bin ich nicht zu überlisten.

Er räuspert sich.

Jana, ich will einfach nur wissen, wie es dir geht. Und ich meine diese Frage ernst. Normalerweise meint man diese Frage ja nicht, es ist doch allen egal, was die Antwort darauf ist. Aber ich will eine echte Antwort. Und bitte sag jetzt nicht nur 'Gut'.“ Er räuspert sich noch einmal.

Nein, ich werde ihm nicht sagen, dass es mir gut geht. Ich werde ihm auch nicht sagen, dass es mir nicht gut geht. Ich werde ihm gar nichts sagen. Was sollte ich ihm auch sagen? Ich weiß es ja selbst nicht so genau. Geht es mir gut? Fühle ich mich glücklich? Nein, nicht so wirklich. Meine Arme schlingen sich wie von selbst um meinen Oberkörper, ich weiß nicht warum. Meine Finger pressen sich hart auf meine Schultern. Automatisch krallen sie sich in die warme Haut. Der Pullover, den ich anhabe, ist zu dick, der Schmerz dringt nicht genug zu mir durch.

Jana?“, fragt er mich, die Stimme anders als vorher. Ich kann den Unterton nicht ganz identifizieren. Mir fällt auf, dass ich meine Augen geschlossen habe, nein, zusammengepresst habe. Trotzdem laufen Bilder in meinem Kopf umher, so farbig wie die Außenwelt. Bilder, die ich nicht sehen will. Vorsichtig öffne ich die Augen wieder und drehe den Kopf zu ihm hin. Er hat seine Position etwas verändert, er hat einen Stift in der Hand, bereit, zu schreiben. Ich zittere plötzlich. Was er mit diesem Kugelschreiber alles aufschreiben könnte. Dinge über mich. Über alles, was er denkt, was ich fühle. Über das, was ich falsche mache. Über mich. Er könnte mich mit diesem Stift skizzieren, innerlich ausziehen, falsche Schlüsse ziehen. Was, wenn er sagt, ich wäre verrückt? Wahrscheinlich bin ich es, aber er soll es nicht wissen, sonst muss ich hier bleiben, sonst schickt er mich in die Klapse. Bilder von Spritzen bei jeder nicht normalen Reaktion, von Elektroschocks, von an Betten gebundene Menschen steigen in mir auf. Ich zittere stärker, kann es kaum noch kontrollieren. Mein Atem geht schneller, flacher.

Was, wenn er schreibt, dass...

Ich glaube, es hat heute keinen Zweck. Dann reden wir morgen noch mal, ok?“

Nein! Ich will hier bleiben. Ich will nicht zurück in dieses weiße Zimmer, wo man sich so schrecklich fühlt. Dort ist nirgendwo Platz für Gedanken. Das Weiß füllt alles aus. Ich will hier sitzen bleiben, aus dem Fenster schauen, nachdenken. Aber das versteht er nicht. Er hat ja seine Termine, kann sich ja nicht um mich kümmern. Ich bin ja schließlich nur eine dumme kleine Verrückte, von der er denkt, dass sie sich umbringen wollte. Eine unter vielen. Nichts besonderes, für ihn bin ich nur ein Teil seines Jobs. Abend geht er nach Hause, zu seiner Frau, seinen braven Töchtern, setzt sich vor den Fernseher, schaut die öffentlich-rechtlichen Sender. Braucht die Nachrichten zur Entspannung. So ein Typ ist er. Und während er zu Hause auf dem Sofa sitzt, muss ich hier bleiben. Bis ich ihn beim nächsten Mal für eine Stunde, nein, noch nicht mal, fünfzig Minuten lang sehen kann.

Aber er weiß schließlich auch nichts über mich. Noch weniger als ich selbst.

Dann rufe ich jetzt also jemand, der dich in dein Zimmer bringt, ok?“ Er ist aufgestanden, und verlässt seinen Platz hinter dem Schreibtisch.

Nein.“ Ich habe es nur ganz leise gesagt, fast unhörbar. Aber Doktor Meisner hat es mitbekommen. Er steht vor mir und schaut auf mich herab. Ich denke, das entspricht genau seinem Wesen: arrogant auf alle herabschauen, die nicht so toll sind wie er. Ich drücke mich weiter zurück in den Sessel und ziehe meine Beine noch mehr an meinen Körper heran, versuche mich so klein wie möglich zu machen, meine Finger krallen sich noch stärker in meine Oberarme.

Ich schaue zu ihm hoch. Schaue in diese hellen Augen und versuche, seinem Blick standzuhalten. Aber es funktioniert nicht. Ich bin zu schwach dafür. Ich drehe den Kopf zur Seite, schaue wieder aus dem Fenster.

Ok, dann machen wir einen zweiten Versuch.“ Er setzt sich wieder hinter seinen Schreibtisch, stützt die Ellbogen auf und beugt sich leicht vor.

Wie geht es dir?“

Ich zögere, dann denke ich an den Stift in seiner Hand, und sage leise, viel leiser als sonst: „Ich weiß es nicht.“

Er reagiert nicht so wie ich gedacht habe. Weder schaut er ungehalten noch ungeduldig. Nein, er sieht fast interessiert aus.

Und wie fühlst du dich jetzt gerade?“

Ich antworte schnell, fast zu schnell: „Gut.“ Die Standard-Antwort. Wie er vorhin gesagt hat. Ich war so erstaunt, dass er das erkannt hat, die sinnlose Fragerei der meisten Leute. Warum fragen sie, wenn sie sowieso nicht an der Antwort interessiert sind?

Er räuspert sich, schon wieder. Diesmal ist es ein aufforderndes Räuspern. Es ist für mich gedacht.

Ich weiß es nicht“, gestehe ich flüsternd.

Ich glaube, dass ist die Wahrheit. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir nie sicher über meine Gefühle. Ich schaue in mich rein und sehe nichts. Also rate ich. Vielleicht habe ich ja Recht.


Warum wolltest du dich umbringen?“

Ich denke an die Nacht, in der mir das Messer ausgerutscht ist. Ich weiß kaum noch etwas darüber, niemand hat mir etwas gesagt. Und die Chance, von meinen Eltern mehr zu erfahren, habe ich mir selbst zerstört.


~~-+-~~


Als ich aufwachte, saßen sie neben mir. Mama auf einer Seite, Papa auf der anderen. Beide auf weißen Holzstühlen, so weiß wie das ganze Zimmer und Mamas Gesicht. Sie sah gruselig aus mit dieser fahlen Gesichtsfarbe und den roten Augen und dem verschmierten Kayalstift als Tränenspur auf der Backe. Sie schluchzte still in sich hinein. Es war kaum zu hören, man sah es nur daran, dass sie zitterte und dem stoßhaften Einatmen zwischendurch. Papa saß nur da, mit versteinertem Gesicht, ohne jede Gefühlsregung. So steif wie der Stuhl unter ihm. Als ob er eine Maske tragen würde. Wie wir alle, nur dass er seine nie ablegte. Woran er wohl dachte? Dachte er überhaupt etwas? Vielleicht daran, wie seine Frau ihn gerade durch dieses Getue blamierte. Oder an seine Tochter, wegen der er den ganzen langen Weg zum Krankenhaus hatte fahren müssen. Oder ausnahmsweise mal an sich selbst, was für ein armer Mann er war, mit so einer emotionalen Frau und dieser störrischen, unhöflichen, verkommenen Tochter, die jetzt nach einem angeblichen Suizidversuch in diesem Bett liegen musste.

Ich konnte mich nicht entscheiden, wen ich ansehen sollte, also blickte ich nur an die Decke und betrachtete die herabhängende Lampe. Das Fenster war offen und die Lampe schwang im Luftzug sachte hin und her. Auch sie wusste nicht weiter, konnte sich nicht entscheiden, in welche Richtung sie wollte.

Meine Eltern sagten kein Wort. Nur das leise Schniefen meiner Mutter durchbrach ab und zu das Schweigen.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus.

Mama. Papa. Sagt doch was!“

Mama blickte nicht auf. Sie saß weiterhin zusammengesunken auf ihrem weißen Stuhl, ohne sich zu rühren. Papa sah mich an. Lange. Ohne ein Wort. Dieser Blick schien seine gesamte Missbilligung und Verachtung für mich auszudrücken. Wieder war ich es, die das Schweigen brach.

Was ist denn los? Was habt ihr denn?“

Endlich rührt sich Mama.

Sie sagen...“ Sie kam nicht weiter, ein neuer Weinkrampf überwältigte sie.

Sie sagen... du... du musst in die Psychiatrie. Der Arzt hat gesagt, das müsste sein, er will dir helfen, er sagt... Wir haben schon unterschrieben. Und es gibt auch einen richterlichen Beschluss oder so was. Sie sagen, es wäre das Beste für dich. Wir können dir da nicht mehr helfen, was sollen wir denn tun?! Aber man muss dir doch helfen...“ Ihre Stimme brach, nahm ihr die Pflicht ab, mit mir zu sprechen. Sie kramte ein Taschentuch heraus und schnäuzte sich. Sie hatte eindeutig ein schlechtes Gewissen. Geschah ihr recht!

Ich war sprachlos. Sie hatten schon unterschrieben?! Ohne mich zu fragen, ohne einem Wort zu mir... Einfach so zwischen sich abgemacht. Es ging ja sowieso nur um ihre Tochter, da machte das ja nichts, die brauchte man wegen so einer Belanglosigkeit nicht zu fragen...

Und ich? Das war doch meine Angelegenheit und nicht ihre... Und erst recht nicht die eines Richters in irgendeinem Büro, weit weg von mir, der mich nie auch nur getroffen hat. Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, dass irgendwelche Männer in schwarzen Roben über mich geredet, über mich und mein Leben entschieden hatten.

Papa war aufgestanden und blickte aus dem Fenster. Jetzt drehte er sich um. Erst sah er mich nur wieder an, dann brach es aus ihm heraus.

Meine Tochter im Irrenhaus! Sag mal, wie konntest du uns das antun?!“ Er begann zu schreien. „Was haben wir denn falsch gemacht? Was? Warum hast du das getan?“

Er redete immer weiter und weiter. Doch ich hörte nicht mehr hin. Er hatte mich gefragt „wie konntest du uns das antun“. Es klang noch in meinen Gedanken, verfing sich, hallte wieder, sodass ich nichts mehr von seinem weiteren Redefluss mitbekam. „Wie konntest du uns das antun“. Kein Wort von ihrer eigenen Schuld. Sie sind immer schon unschuldig gewesen, immer waren es die anderen. Mal sind es die Politiker, dann die Ausländer und das nächste Mal die Journalisten. Diesmal ist es halt ihre eigene Tochter, aber was macht das schon. Ist ja egal, solange es einen Schuldigen gibt, auf den man schimpfen kann.

Irgendwann hörte ich dann jemanden schreien. Ein durchdringender, endloser Schrei, der für immer zu dauern schien. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis ich merkte, dass ich es selber war. Dann wollte ich aufhören, aber es ging nicht. Weiß gekleidete Leute kamen in mein Zimmer und schickten meine Eltern raus. Erst dann konnte ich aufhören zu schreien. Sie kamen nicht wieder.

Und ein paar Stunden später kamen zwei Pfleger, ganz in weiß, um mich in die allgemeinpsychiatrische Station zu bringen. Willkommen in der Klapse!


~~-+-~~


Ich sitze immer noch in dem kleinen Zimmer mit den vielen Teppichen. Immer noch sitzt er mir gegenüber. Immer noch wartet er auf meine Antwort.

Ich wollte mich nicht umbringen.“ Der Satz ist mir einfach raus gerutscht. Der Doktor sagt nichts. Keine Regung. Gar nichts. Sieht mich nur weiter an.

Ehrlich, das Messer ist mir nur ausgerutscht.“ Er sieht nicht wirklich überzeugt aus, aber es ist die Wahrheit!

Du wurdest mir als ein intelligentes junges Mädchen beschrieben, aber...“

Wer sagt das?“

Ich lache fast. Es klingt so unwirklich, dass er das sagt, es klingt wie ein Film, nicht wie das Leben, nicht wie das hier.

Er soll aufhören zu schleimen, er soll mir helfen.

Deine Eltern.“

Nein! NEIN! NEEEEEEEEIN! Er hat mit ihnen gesprochen. Ich glaube, ich weiß, was die ihm erzählt haben. ‚Ja, sie war ja schon immer schwer erziehbar, hat uns viele Nerven gekostet, das Kind. Gehorchen konnte sie noch nie. Hat nie gemacht, was wir von ihr wollten. Immer nur an sich selbst gedacht... Ach ja, was haben wir da alles durchgemacht. Das Schlimmste ist ja diese Musik, Sie wissen schon, dieses Bumm Bumm. Unglaublich, wie sie so etwas hören kann, das Kind’. Ich hasse diesen Nachsatz, ‚das Kind’.

Meine Eltern sagen das andauernd zu ihren Freunden, Kollegen, Verwandten. Immer bin ich Small-Talk-Thema Nr.1. Mal werde ich gelobt, bin plötzlich die nette, brave Tochter, auf die sie 'ja so stolz sind' und bei der nächstbesten Gelegenheit machen sie mich wieder vor allen runter. Je nachdem, was besser für sie ist. Und jetzt haben sie auch noch mit ihm gesprochen. Ich glaube, die wollen mich wirklich loswerden. Nicht nur für ein paar Tage im Krankenhaus, nein, gleich fürs ganze Leben in die Klapse. Das gibt dann wieder ein „Ach ja, wir haben ja versucht, ihr zu helfen, aber...“ .Und dann fallen ihnen tausend Gründe ein, warum ich so bin wie ich bin, warum ich so eine angeborene psychische Störung hab, verrückt bin. Ja, ich bin verrückt. Wegen euch, meinen liebevollen, immer netten und hilfsbereiten Eltern!



Jana ist siebzehn


Mir ist so kalt. Aber ich glaube nicht, dass das an der Zimmertemperatur liegt. Ein Schauer nach dem anderen läuft mir eisig über den Rücken, Gänsehaut überall, an den Schnitten an meinen Armen spannt die Haut, es juckt, aber nur wie von fern. Ich weiß nicht warum, aber ich will meine Hände in irgendetwas krallen, vielleicht etwas zerstören, den Druck in mir an etwas anderem ablassen. In mir wütet, tobt etwas, zieht sich zusammen, nicht mehr rot, sondern ein dunkles Blau, meine Arme umklammern meinen Körper, um nicht in das Vakuum in mir hineingezogen zu werden. Immer wieder zucke ich zusammen, alle Muskeln verkrampfen sich, ich schließe meine Augen, aber nichts hilft. Die Musik, die ich angemacht habe, tröpfelt irgendwo in weiter Ferne an mir vorbei.

Ich presse die Hände an meinen Kopf, wieder erschauere ich, ich habe Angst, und ich weiß nicht, vor was. Mein Atem geht schneller, flacher als sonst, und immer wieder kralle ich meine Finger in die Oberschenkel, aber der Schmerz, der eigentlich da sein sollte, dringt nicht zu mir durch. Ich fühle mich, als ob ich weinen möchte, aber es geht nicht, es kommen keine Tränen. Ich schreie innerlich, öffne den Mund, so weit es geht, aber es kommt kein Ton. Ich zittere am ganzen Körper, vor innerer Kälte, beiße mir in die Finger, meine Fingernägel krallen sich in alles, was eventuell Schmerz auslösen könnte, um nicht ganz aus Kontrolle zu geraten. Aber es hilft heute alles nicht so wirklich.

Irgendwann kann ich wieder atmen, ich sehe wieder scharf, Luft strömt kalt in mich hinein. Endlich ist es vorbei. Ganz plötzlich. Ganz ohne Verletzungen. Zumindest keine äußeren.

3. Träume


Ich habe mir die Nadel aus dem Arm gezogen. Dieses Metallding mit dem Schlauch dran und darüber der Beutel mit der Flüssigkeit, die mich vergiftet. Die mich anders denkend macht. Die mich mit jedem Tropfen von innen heraus verändert. Ich weiß nicht, was da drinnen ist. Ich weiß nur, dass ich es nicht will. Dass ich so bleiben will, wie ich bin. Oder besser, wie ich war.

Es hat geblutet. Rotes, flüssiges, schönes Blut, dass aus meinen Adern floh.

Aber es war schon zu viel Gift in meinem Körper. Zum ersten Mal habe ich mich nicht über diesen Anblick gefreut. Zum ersten Mal hat es weh getan. Ich hatte diese Art von Schmerz fast vergessen. Eingeschlossen in eine der hintersten Kammern meines Unterbewusstseins war er immer da gewesen, seit ich damit begonnen hatte, sicher verschnürt. Das Gift hatte die Fesseln gelöst und plötzlich kam er so heftig über mich, dass ich für einen kurzen Moment die Kontrolle über mich verlor und schrie. Irgendjemand musste es gehört haben, denn nach einer Weile kam eine Schwester in mein Zimmer gelaufen. Das Geräusch der Tür ließ mich zusammenzucken. Aber ich sah nicht hin. Gebannt starrte ich auf das Blut, mein Blut, das aus meinem Körper heraus sickerte. Inzwischen war es weniger geworden, nur ein kleines Rinnsal floss noch aus dem Spalt, in dem die Nadel vorher gesteckt hatte. Mir war es zu wenig. Ich drückte die Haut um den Blutbach zusammen, damit mehr kam. Ich wollte dass vergiftete Blut wieder aus meinem Körper herausbekommen. Die vorher durchsichtige Flüssigkeit, die so lange in mich hinein getropft war, floss nun rot gefärbt wieder heraus. Man konnte sie nicht von meinem Blut unterscheiden, aber ich wusste, sie war da. Ich wollte noch mehr an den Rändern drücken, noch mehr Blut heraus drücken, noch mehr Schmerzen ertragen müssen, doch da kamen Leute herein gelaufen. Ich schaute zur Tür, sie war offen, das Licht strahlte von außen herein. Aber im Vordergrund standen ein Arzt und zwei Schwestern, die eine hatte einen ganz roten Kopf. Rot wie Blut. Wie der Saft, der sich jetzt ganz geweigert hatte, aus mir heraus zu fließen. Mit drei Schritten war der Mann bei mir. Ich bekam Panik, schrie, weinte, sie sollten weggehen, mich in Ruhe lassen. Als er mir die Hand auf die Schulter legte, schlug ich um mich. Vor lauter Angst trat und schlug ich alles, was ich spüren konnte, was in meiner Reichweite war, ohne noch richtig Kontrolle über meine Bewegungen zu haben. Ich hörte nicht zu, als der Arzt mir versuchte etwas zu sagen, ich hörte nicht zu, als er mit den Schwestern im Hintergrund sprach. Die eine verschwand aus dem Zimmer, kam aber gleich wieder, mit einem kleinen Tablett. Ich schrie immer noch, konnte nicht mehr aufhören. Ich übertönte alles, das einzige, was ich noch hörte, war mein eigener durchdringender Schrei. Kräftige Hände packten meinen Körper, hielten mich fest, überall, kein Aufbäumen mehr möglich, ich schrie um Hilfe, aber sie halfen mir nicht, drückten mich nur noch fester auf das Bett, es tat weh, Gurte legten sich um meine Arme, meine Beine, jeder Muskel in mir sehnte sich nach Entspannung, aber ich wehrte mich nur noch heftiger. Ich war verzweifelt, dachte völlig wirr darüber nach, was passieren würde, wenn ich jetzt für immer schreien müsste. Ich holte Luft, hörte dafür kurz auf zu Schreien. Diesen kurzen Moment nutzte der Arzt, er musste darauf gewartete haben, um mir eine Spritze in den Leib zu jagen. Erschreckt sah ich ihn an, blieb ruhig, erlöste meine erschöpften Stimmbänder. Die Stille überflutete mich, beruhigte mich und trug mich weit mit ihr weg, wie ein Windhauch ein junges Blatt.


~~-+-~~


Man hat mir die Nadel nicht wieder in den Arm gesteckt. Ich fühle mich besser als vorher. Die Gurte sind wieder weg.


~~-+-~~


Am Nachmittag muss ich wieder zum Doktor. Nachdem er mich kurz aufgefordert hat, mich zu setzen, sagt er mal wieder kein Wort. Das Schweigen der Doktoren, die Hundertvierundsechzigste. Dazu kommt wieder der Psychologen-Blick, so ruhig und sicher, ohne Gefühle, Maske pur. Irgendwie wirkt der jetzt langsam vertraut.

Irgendwann schaue ich ihm direkt in die Augen, schaue mir mein Spiegelbild in seinen Pupillen an. Scheußlich. Also, damit meine ich mich, nicht ihn. Er sieht gar nicht mal so schlecht aus, wenn da diese Uhu-Brille nicht wäre...

Ich schaue immer noch in diese Augen. Sie sind hell, weder blau noch grün, eher so eine Art braun. Bernsteinartig. Ich hatte einmal eine Kette aus Bernstein, die mir meine Tante von der Ostsee mitgebracht hatte. Einmal bin ich von der Schule nach Hause gekommen, und sie war nicht mehr an meinem Hals. Ich habe es meiner Tante nie sagen können, habe mich so geschämt, sie so zu enttäuschen.


Früher oder später halte ich es nicht mehr aus, meine Augen tränen vom Offenhalten; ich blicke hinunter auf meine Knie.

Endlich ergreift er das Wort und fragt mich mit leiser eindringlicher Stimme: „Sag mal, willst du hier eigentlich irgendwann wieder raus?“

Soll das ein Scherz sein?! Wieder raus kommen. Also, ich habe da mit zwei, drei Tagen, höchstens einer Woche gerechnet, bis die Leute hier merken, dass ich nicht verrückt bin, aber anscheinend habe ich mich da vertan. Die sind echt dümmer als es erlaubt sein sollte. Gerade als Psychologe sollte man doch wohl Psychopathen von anderen normalen Leuten unterscheiden können. Aber er hier glaubt wirklich, dass ich geistig gestört bin. Aber ich will hier raus, ich muss hier raus, sonst werde ich wirklich noch verrückt.

Du müsstest nicht hier sein. Du passt hier nicht rein. Eine offene Station würde dir mehr bringen.“

Dass ich nicht hier her passe, habe ich auch schon gemerkt. Manche Leute hier sind echt krank. Man kann sich mit niemandem unterhalten. Langweilig. Und traurig. Die Menschen hier machen mich traurig.

Was muss ich dafür tun?“

Einen kurzen Augenblick glaube ich, eine Spur von Überraschung in seinen Augen zu sehen, doch dann ist da nur noch das undurchdringliche Doktorengesicht ohne jede Emotionen.

Mitarbeiten. Meine Fragen beantworten, ohne zu lügen. Nicht ausweichen. Das Ziel haben, gesund zu werden.“

Ich bin gesund, du unwissender Seelendoktor.

Ok, dann fangen Sie an. Ich will so wenig Zeit wie nötig hier verbringen müssen.“

Nee, falsch, du fängst an.“ Komischer Typ.

Und was soll ich machen?“ Langsam werde ich ungeduldig.

Erzähl mir doch einfach mal was aus deinem Leben...“

Ich überlege einen Moment. Aus meinem Leben? Na gut, kann er haben.

Wenn es sein muss: Geboren am 14. Oktober 1992 in Hamburg als Tochter des ach-so-wunderbaren Geschäftsleiters (einer wunderbaren unglaublichen Firma...) Herrn Dr. Thomas Jansen und seiner Frau Martina, der Stillen, Unberührbaren. Meine Schullaufbahn beginnt am...“

Hör auf, das reicht.Ich glaube, das hat heute keinen Sinn. Am besten beenden wir die Sitzung jetzt und machen weiter, wenn du bereit bist.“

Aus. Ende. Chance verspielt.



Jana ist siebzehn


Mir geht es nicht gut. Mal wieder. Ich fühle mich, als schaute ich in tiefe, dunkle Wasser. Nachts habe ich einmal in einen Fluss geblickt, vielleicht war es in Italien, ich weiß es nicht mehr, und das dunkle Wasser hat die Lichter um mich herum gespiegelt, nur die Lichter, nicht die Menschen, sie waren alle unsichtbar, nur Dunkelheit und kleine Lichtpunkte auf der gekräuselten Wasseroberfläche, und ich habe Angst bekommen. Ich weiß nicht einmal, wovor. Aber das war auch früher schon so. Mein Herz zieht sich zusammen, Kälteschauer überall am Körper, meine Hände zittern leicht. Ich weiß, dass es wieder anfängt, weil mein Gesichtsfeld schrumpft, mein Blick unfixiert auf nur einen kleinen Teil der Realität schaut. Ich höre alles viel schärfer, das Tropfen vom Wasserhahn im Bad, die Lüftung des Computers, Autos, die vor dem Haus entlang fahren. Ich kauere mich zusammen, bin angespannt, meine Arme schnellen zu meinem Brustkorb, halten mich zusammen, Fingernägel in die Schultern gebohrt. Meine Finger wandern zu meinem Hals, spüren den Puls der Halsschlagader. Regelmäßig wie das Ticken der Uhr im Hintergrund, die ich so deutlich wie selten höre.


~~-+-~~


Zurück in meinem Zimmer flippe ich aus, schreie die Wände an, kreische mir die Seele aus dem Leib, schluchze, wimmere, und schreie wieder bis ich schließlich erschöpft auf mein Bett sinke. Ich halte das hier nicht mehr aus. Ich muss hier raus. Kann nicht mehr klar denken, bin innerlich ausgebrannt und erschöpft. Wenn der Psychodoktor jetzt mit mir reden würde, er könnte sehen, was er niemals sehen darf. Niemals. Und ich darf es auch nicht wissen. Es ist in mir versteckt, eingeschlossen, bis die Mauern gefallen sind und es herausbricht. Und die Kontrolle übernimmt.


~~-+-~~


Eine Rutschbahn. Rot. Ich steige die Leiter hinauf, stehe auf der Plattform. Der Wind zerzaust meine Haare. Lange Haare. Woher kommen die? Es kümmert mich nicht. Ich schaue auf die Leute unter mir. Brave Familien mit Kindern, kleine, strampelnde, krabbelnde, Sand essende Knirpse. Die Eltern sind stolz, lachen, freuen sich, wenn ihr Sohn ihnen seine Sandburg zeigt, die einem Vulkan ähnlich sieht. Die Schaukeln, zwei Mädchen sitzen darauf, freuen sich, wenn der Vater sie abwechselnd anstößt. Ihre kleinen Beine zappeln vor Spaß, sie quietschen, wenn die Schaukel sie in Richtung Himmel trägt. Sie kennen das Gefühl der Angst noch nicht, haben keine Bedenken, hinunterzufallen. Sie vertrauen allem in ihrer Umgebung. Sie kennen nur diese heile Welt.

Ein Stück weiter entfernt sitzt eine alte Frau auf einer Bank, sie strickt an einem unförmigen Etwas, die Nadeln klappern, man hört es nicht, fühlt es nur, man weiß, dass es so ist. Ein Mädchen in einem blauen Kleid kommt auf sie zugelaufen, einen kleinen Eimer in der Hand. Das Kind ist froh, glücklich, es lacht seine Oma an, ruft etwas, sie lächelt und legt ihr Strickzeug weg.

Ich stehe immer noch auf der Rutsche, bringe es nicht über mich, diese Idylle zu zerstören, indem ich dabei bin. Sie sehen mich noch nicht, denken an nichts Schlimmes. Aber ich kann nicht für immer dort oben bleiben, ich muss etwas erledigen, obwohl ich nicht weiß, was es ist. Ich gehe in die Hocke, die Bretter um die Plattform schirmen mich ab, ich werde unsichtbar. Langsam setze ich mich auf die Rutsche. Viele Kinder vor mir haben das getan, ich sehe die Spuren auf dem Plastik. Der Vater stumpt seine Töchtern auf der Schaukel an. Meine Beine strecken sich. Das Mädchen mit dem blauen Kleid führt seine Oma zu der Wippe. Ich stoße mich ab. Und schreie. Die Kinder erschrecken, laufen zu ihren Eltern, die sehen mich ungläubig an. Sie verstehen nicht, warum das passiert, warum ich dort bin und schreie. Ich weiß es auch nicht. Es ist einfach so. Das kleine Mädchen weint, hat die Wippe vergessen und klammert sich an seine Oma. So langsam kommt mir das alles seltsam vor, warum bin ich so schrecklich. Ich schreie doch nur. Die Rutsche endet, ich bin nicht vorbereitet, lande im Sand, springe auf. Die Leute schauen mich entsetzt an. Warum? WARUM? Ist etwas anderes mit mir? Was ist los? Mein Blick fällt auf meinen linken Arm.



Und ich wache auf.

Mein Bett gleicht einem Schlachtfeld. Die Decke ist zu einem Haufen zerknüllt, das Kissen liegt auf dem Boden, ich liege zusammengekrümmt da. Mein ganzer Körper ist nass geschwitzt, ich fühle mich elend.

Wirre Erinnerungen und Traumfetzen der vergangen Nacht treiben noch in meinem Kopf umher, ich kann nicht klar denken, brauche frische Luft. Langsam stehe ich auf. Der Boden fühlt sich kalt an. Ich gehe zum Fenster, will es aufmachen, geht nicht, nur kippen kann ich es, ich atme die frische Luft, die in meine erschöpften Lungen strömt. Das tut gut. So langsam werden alle überflüssigen Gedanken aus meinem Kopf vertrieben, übrig bleibt eine Art Leere. Ich weiß nicht, woran ich denken soll oder darf. Draußen ist es vollkommen ruhig, nur ein leichter Wind weht, er streicht behutsam durch die Blätter der Weide vor meinem Zimmer (woher weiß ich, dass es eine Weide ist...) wie eine Mutter durch das Haar ihres Kindes. Hat meine Mutter das auch einmal getan? Ich kann mich nicht erinnern und es mir auch nicht recht vorstellen. Meine Mutter als eine liebevolle, besorgte Mama? Niemals. Manchmal frage ich mich, wie meine Eltern auf die Idee gekommen sind, ein Kind zu bekommen. Vielleicht war es ja gar kein Entschluss, sondern eher ein Versehen. Aber das kann nicht sein, bei meinen Erzeugern passiert nichts zufällig. Da wird alles geplant, sogar wer wann ins Bad gehen darf, wer den Müll an welchem Wochentag raus bringt, wer wann was sagen darf. Und ich habe das mitgemacht. Jahrelang. Es war normal für mich. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es in anderen Familien nicht so abläuft und ich begann, nicht mehr so sein zu wollen wie sie.

Vielleicht gehört ein Kind auch einfach in das Weltbild meiner Eltern, zusammen mit Haus und Auto, Prestige eben.

Langsam wird mir kalt. Ich schließe das Fenster und gehe zur Tür. Ich muss hier raus, muss mich bewegen, ich fühle mich wie ein Tier in einem viel zu kleinen Käfig. Meine Hand greift nach dem Griff, das Metall ist angenehm kühl. Die Klinke lässt sich nicht runter drücken. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, was das für mich bedeutet. Ich bin eingesperrt, ich bin in einem Käfig. Ich rüttele an der Tür, aber sie bewegt sich kein bisschen. Meine Fäuste hämmern an das Holz, sogar im Dunkeln leuchtet es weiß. Ich achte nicht auf den Schmerz, bin an ihn gewöhnt. Ich klopfe heftiger, jetzt mit der ganzen Handfläche, es ist laut, und ich mache weiter, vielleicht kommt doch noch irgendjemand, um mich zu befreien. Klatsch, klatsch, klopf, klopf. Klopf, klatsch, klatsch, klopf. Immer weiter...


Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis ich draußen Schritte höre. Für mich ist es eine Ewigkeit. Meine Handflächen brennen höllisch, meine Finger sind wund. Die Tür öffnet sich, eine junge Schwester kommt herein. Sie sieht unsicher, unerfahren aus. Das verunsichert mich. Die Worte, die ich mir schon schön zurecht gelegt hatte, die ich allen entgegen schleudern wollte, sind vergessen. Plötzlich fühle ich mich hilflos, ich weiß nicht mehr, was ich jetzt tun soll.

Die Frau macht das Licht an. Es blendet mich, es ist viel zu grell. Ich trete einen Schritt zurück und sie kommt herein, lächelt mich an. Es ist komisch, aber sie ist die erste hier, die mich spontan anlächelt, ohne dass es künstlich oder einstudiert wirkt.

Was hast du denn da gemacht?“ meint sie, nachdem sie einen schnellen Blick auf meine Hände geworfen hat, die inzwischen angefangen haben, wie ein Uhrwerk zu pochen.

Geht es dir nicht gut?“

Ihre Freundlichkeit ist verwirrend, sie macht mich aggressiv, obwohl ich nicht grob gegen diese kleine Person vor mir sein will. Natürlich geht es mir nicht gut! Wäre ich sonst hier? Würden sie mich sonst hier festhalten? Ich bleibe lieber still, will sie nicht verletzen.

Soll ich einen Arzt holen? Deine Hände sehen etwas...na ja... ein bisschen anders aus als normalerweise...“

Dazu wieder dieses Lächeln. Sie sieht gut aus, die braunen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, der ihr über die Schulter fällt.

Stumm schüttle ich den Kopf.

Willst du nicht mal etwas zu mir sagen, zum Beispiel ‚Guten Morgen’, oder so etwas? „Hallo“ würde auch schon vollkommen reichen.“

Hallo“ murmele ich verlegen. Aber mein Selbstbewusstsein rührt sich schon wieder, ich fühle mich nicht mehr so klein und unscheinbar wie eben.

Warum sperren Sie mich ein?“

Erst einmal sagt sie nichts. Ich warte. Sie schweigt. Ich setzte mich auf mein Bett, lasse meine Beine baumeln, warte immer noch auf eine Antwort. Vielleicht weiß sie ja keine. Oder sie darf es nicht sagen. Irgendwann, nach einer halben Ewigkeit (zumindest kommt es mir so vor), räuspert sie sich und setzt sich neben mich. Die Matratze bewegt sich kaum unter ihr, so zerbrechlich wie sie ist. Dann endlich fragt sie:


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